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Kultur Jan Josef Liefers: „Die Hirnwäsche hat nicht funktioniert“
Nachrichten Kultur Jan Josef Liefers: „Die Hirnwäsche hat nicht funktioniert“
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19:47 24.06.2009
Kiel

Wir trafen den Dresdner, der mit der Schauspielerin Anna Loos verheiratet ist und vier Kinder hat, vor dem Konzert auf der Krusenkoppel.

Jan, täuscht der Eindruck, oder bist du ein wenig übernächtigt?

Der Eindruck täuscht überhaupt nicht. Ich bin seit 20 Jahren unausgeschlafen.

Wie das?

Bekomm' du mal Kinder - meine Älteste ist 20, der Junge ist elf, die Töchter von Anna und mir sind sechs und knapp eins. Um spätestens halb sieben ist bei uns zu Hause die Nacht vorbei.

Im „Tatort“, als Rechtsmediziner Karl-Friedrich Boerne, wirkst du hingegen immer sehr ausgeschlafen...

Die Zeiten, in denen Anna und ich drehen, sind fast schon wie Urlaub. Allein schon deshalb, weil uns nachts keiner weckt.

Hat sich deine Herkunft im Laufe der Karriere aus der Wahrnehmung des Publikums geschliffen?

Eher hat sich das nie eingeschliffen. Ich habe nie ein Geheimnis darum gemacht, dass ich in Dresden geboren bin. Aber letztlich ist das ja auch egal. Komisch ist es bloß, wenn du Leute im Westen sagen hörst: „Wie, Jan Josef, Du bist aus dem Osten? Das merkt man gar nicht“. Das habe ich nie verstanden.

Als Jugendlicher in der DDR hast du Songs von Bob Dylan oder Neil Young aufgeführt. Im Programm „Soundtrack meiner Kindheit“ spielst du mit deiner Band Lieder von Ostrockern wie Silly, Puhdys, Pankow oder City. Warum?

Die Musik ist hängen geblieben. So ist eine Auswahl von Songs zustandegekommen, bei denen nur wichtig war, ob sie etwas mit mir und meiner Jugend zu tun haben. Ich erzähle auf der Bühne auch Geschichten und zeige Schmalfilme meines Vaters. Wenn du so willst, ist meine Show eine Zeitreise und auch eine kleine Mission.

Was ist das Besondere am Ostrock?

Aus der Notwendigkeit heraus, es zwar nicht so deutlich auf der Bühne sagen zu können, aber doch den Leuten klarzumachen, dass man auf ihrer Seite ist, mussten Wahrheit und Schonungslosigkeit in der DDR-Lyrik total versteckt werden. Dadurch ergibt sich gerade bei Bands wie Silly oder Renft eine herrliche, feine Poesie in den Texten. Gute Gedanken überdauern selbst so eine Hirnwäsche-Diktatur wie die DDR. Ich bin sowieso überrascht, wie spurlos das alles an mir vorübergegangen ist.

Wie meinst Du das?

Die Hirnwäsche hat nicht funktioniert. Wir Bürger waren ja nicht blöd. Menschen, die in einer Diktatur leben, machen jeden Tag die Erfahrung, dass ihre Lebensrealität nichts zu tun hat mit dem Bild, das die Regierung nach außen transportieren will.

Wieso bist du nicht abgehauen?

Ich habe keinen Ärger oder die direkte Konfrontation gesucht. Wer hat schon Lust, sich ständig als Märtyrer aufzureiben. Aber hätte ich zur Armee gemusst, dann wäre ich weg gewesen. Ich wollte Totalverweigerer werden, das wurde aber abgelehnt. Im Oktober 1989 hätte ich einrücken müssen. Dann kam ja zum Glück die Wende dazwischen.

Das Interview führte Steffen Rüth

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