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10:15 09.05.2019
Von Ruth Bender
Foto: Als Gedächtnisort für das Land liegt ihm die Landesbibliothek am Herzen: Jens Ahlers war 14 Jahre lang ihr Direktor.
Als Gedächtnisort für das Land liegt ihm die Landesbibliothek am Herzen: Jens Ahlers war 14 Jahre lang ihr Direktor. Quelle: Marco Ehrhardt
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Kiel

Eigentlich hat Jens Ahlers gar keine Lust, über die Vergangenheit zu reden. Gerade steckte er noch mitten in den Vorbereitungen für die nun laufende Ausstellung zum 200. Geburtstag des Dichters Klaus Groth. Auch der mit Ulrich Schulte-Wülwer geplante dritte Teil der Kieler Künstler, diesmal 1918-1945, ist noch zu planen. Und wie immer ist sich der Direktor der Landesbibliothek, der heute in den Ruhestand verabschiedet wird, nicht zu schade, das ein oder andere Ausstellungsstück bei Engpässen selbst aus Flensburg oder Heide nach Kiel zu holen. Dass er daneben die Plakate zu seinen Veranstaltungen selbst an die Fassade bringt („Ich war schließlich auf der ,Gorch Fock’“), hat ihm im Haus den Spitznamen „Spiderman“ eingebracht.

Von Anfang an ging's in die Vollen

2005 kam der promovierte Historiker nach Kiel, zunächst kommissarisch, während seine Stelle als Gründungsdirektor der Zentralen Hochschulbibliothek in Flensburg weiterlief. In die Vollen ging es trotzdem von Anfang an. Im selben Jahr wurde der 200. Geburtstag von Hans Christian Andersen mit einer noch vom Vorgänger Dieter Lohmeier kuratierten Ausstellung gefeiert, 2006 Günter Grass und sein Roman Im Krebsgang. Die Ausstellungen und das Kulturleben in der Landesbibliothek waren Ahlers immer wichtig: „Es braucht solche Projekte, die die Geschichte Schleswig-Holsteins anfassbar machen. Das ist ein Weg, die Menschen ins Haus zu bringen und es nach außen sichtbar zu machen.“

"Die Bedeutung der Landesbibliothek liegt darin, dass man hier alles findet"

Die Nachlässe von Klaus Groth und Theodor Storm lagern hier, von dem Dichter Detlev von Liliencron und dem Soziologen Ferdinand Tönnies. Es gibt rund 8000 Landkarten, auf denen sich die politischen Veränderungen des Landes ablesen lassen. Gemälde und Fotografien, die Langesche Münzsammlung sowie ein beachtlicher Bestand an Gemälden. Eine Sammlung, die er stetig erweitert hat. „Man kann gar nicht anders, als begeistert zu sein, wenn man etwa das Manuskript des Schimmelreiters in der Hand hält“, erzählt Ahlers, der von seiner Person wenig Aufhebens macht, für „seine“ Institution aber steter Streiter war. „Die Bedeutung der Landesbibliothek liegt darin, dass man hier alles findet“, erklärt er weiter. „Wer hier über Storm forscht, der findet nicht nur dessen Manuskripte oder den Briefwechsel mit den Verlegern. Er findet auch Vertonungen, Sekundärliteratur und die sicherlich umfangreichste Porträtsammlung rund um den Husumer Dichter.“

65 Ausstellungen ohne Berührungsängste

Und auch selbst hat er weidlich daraus geschöpft. 65 Ausstellungen sind zustande gekommen, die Kieler Lokalmatadore wie den Maler Charles Ross oder den Dichter Detlev von Liliencron ins Gedächtnis brachten, aber auch die Universität zum 350. Jubiläum. Die Schau über die in Husum geborene Schriftstellerin Franziska von Reventlow (2010), die in der Münchner Bohème berühmt wurde, ging von Kiel nach München und lockte dort 17000 Besucher. „Die habe ich damals viel zu billig verkauft“, sagt Ahlers mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Auch Kieler Künstlern wie Ulrich Behl und Hanne Nagel-Axelsen gab er ein Forum. Und Berührungsängste hat er nie gehabt: 2017 wurde die Landesbibliothek zum Schauplatz für ein Treffen des Kieler Comic-Kollektivs Pure Fruit mit Theodor Storm.

Spagat zwischen Bibliotheksarbeit und Kulturarbeit

Als Gedächtnisort für das Land liegt Ahlers die Landesbibliothek am Herzen. Und der soll vielfältig wirken: „Wir haben doch einen großen musealen Bestand und den wollen wir nicht wegschließen.“ Es war ein Spagat, den es zu schaffen und auszuhalten galt – zwischen einem zuverlässigen Bibliotheksbetrieb und Kulturarbeit. Zu schaffen nur mit ähnlich beseelten Mitarbeitern wie der 2015 verstorbenen Leiterin der Handschriftensammlung Kornelia Küchmeister und nun deren Nachfolgerin Maike Manske. Und viel Einsatz.

Auch Hartnäckigkeit war gefragt

Jens Ahlers hat die Landesbibliothek durch schwierige Zeiten geführt, gegen schrumpfende Mittel und eingespartes Personal. Dass das Haus 2010 nicht in der Unibibliothek aufging, war wohl nur Ahlers‘ trotziger Hartnäckigkeit zu verdanken. Damals sah er auch „die Identität des Landes bedroht“. Dabei hat er nichts gegen Neuerung. Im Gegenteil: Zwei Drittel des Bestands hat Ahlers bereits digitalisieren lassen, speist Handschriften und Bildmaterial fortlaufend in die Datenbank Digicult ein: „Man muss die Bestände im Netz sichtbar und greifbar machen. Was nicht im Netz steht, wird heute nicht registriert.“

Was er sich für die Zukunft des Hauses wünscht? „Dass das neue Konzept aus dem Kulturministerium funktioniert“, sagt der Wissenschaftler, der stets auch Praktiker geblieben ist, „und dass die Landesbibliothek mit ihren Schätzen sichtbar bleibt.“ Man kann sich nur wünschen, dass dieser Geist noch weiter wirkt.

Blick in die Zukunft
Auf dem Prüfstand befand sich die Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek eigentlich immer wieder, seit der Sparbeschlüsse der Landesregierung 2010. Es gab Überlegungen, das umfangreiche landesgeschichtliche Archiv in der Uni-Bibliothek aufgehen zu lassen, ebenso wie die Idee von einem Haus der Geschichte mit einer Dauerausstellung, in das die Landesbibliothek einzubinden sei. Über die Nachfolge von Direktor Jens Ahlers und eine Neuregelung des Hauses hüllt sich das Kulturministerium bislang in Schweigen. Nach unbestätigten Informationen ist ein mehrteiliges Konzept geplant, das starkes Augenmerk auf die Digitalisierung setzt. „Es wird eine neue Entwicklung geben“, erklärte dazu knapp Pressesprecherin Patricia Zimnik. Ende Mai will das Land bekanntgeben, wie es weitergeht.