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Kultur Walzerschmäh kontra Inferno
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14:14 23.05.2019
Johannes Wildner dirigierte beim traditionellen Gemeinschaftskonzert der Landessinfoniker und des Sønderjyllands Symfoniorkesters (dessen Chefdirigent er demnächst sein wird) unter ständiger Hochspannung. Quelle: lukasbeck
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Flensburg

Diese Sinfonie ist so etwas wie eine musikalische Abreaktion höchst belastender seelischer Zustände oder Ahnungen, die der damals 46-jährige Komponist irgendwie bewältigen musste. Wenn man dieses gewaltige Werk mit dem Titel „Die Tragische“ bedachte, so spiegelt dies ziemlich genau das, was der ständig überarbeitete, meist verkannte und persönlich enttäuschte Mann mit dieser zwischen Wut, Todessehnsucht und Resignation pendelnden Riesensinfonie für jeden Hörer nachvollziehbar macht: die Tragik eines total missverstan­denen Genies nebst seiner monströsen Musiksprache, deren Rezeption erst ein halbes Jahrhundert nach seinem frühen Tod einsetzte.

Mahler klangmächtig zelebriert

Johannes Wildner hat nun beim traditionellen Gemeinschaftskonzert der Landessinfoniker und dem Sønderjyllands Symfoniorkester (dessen Chefdirigent er demnächst sein wird) dieses unter ständiger Hochspannung stehende sinfonische Ausnahmewerk im Deutschen Haus klangmächtig zelebriert. Dabei ist diese Sinfonie wie kaum ein anderes Werk geeignet, die Qualitäten eines Klangkörpers wie auch eines Dirigenten offenzulegen. Denn schon in der Orchesterbesetzung geht Mahler hier über alles bisher Dagewesene hinaus, aber auch in Sachen Ausdrucksintensität fordert Mahler seinen Interpreten alles ab, da diesem Werk beim Fehlen jeglicher Larmoyanz phasenweise eine Brutalität zu Eigen ist, mit der Mahler die Schrecknisse des heraufziehenden 20.Jahrhunderts vorweg­zunehmen scheint.

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"Sirenenklänge-Walzer" als Uraufführung

Wildner scheint kein Mann halber Sachen zu sein: in den Mahlerschen Kopfsatz stieg er mit brachialer Kraft ein, obwohl er doch zuvor ein flockig-leichtes Präludium in Form eines Wiener Walzers ins Auditorium gezaubert hatte. „Sirenenklänge-Walzer“ nannte sich der geschickt nachempfundene Wienerwalzer-Traum der 14jährigen Komponistin Alma Deutscher, dem das Riesenorchester auf Zeit an diesem Abend eine gelungene Uraufführung bescherte. Aus dem chaotischen Verkehrsgetöse inklusive Autohuperei, Martinshorn und anderen Alltagsgeräuschen entwickelt die junge Komponistin einen schwungvollen, klangsatten, „herzigen“ Konzertwalzer, der ein wenig von nostalgischen KuK-Sehnsüchten und Harmonieträumen gespeist schien.

Mit furchterregender Stringenz

Umso krasser Gustav Mahlers Klangbrutalitäten, die dank der sehr flotten Tempi fast clusterförmig auf die Hörer niederprasselten. Johannes Wildner schien damit jeden Pathos zugunsten furchterregender Stringenz vermeiden zu wollen, nahm damit natürlich auch einige Ungereimtheiten dank arg ruppiger Hemdsärmeligkeit im Eifer der musikalischen Gefechte in Kauf. Hier wie im anschließenden Scherzo gab es fast durchgehend eine Mahlersche Variante von Terrassen­dynamik zu hören: entweder gellendes Fortissimo oder raunendes Gewisper. Dabei glänzten allerdings Hörner wie Holzbläser mit blitzsauberer Sonorität, während die vorzügliche Blechfraktion für spektakuläre Phonstärkenattacken sorgten.

Betroffene Stille - befreiter Schlussjubel

Ein teuflisches Scherzo voller Groteske und sarkastischem Gekecker, dem die Streicher ein Mix aus falscher Süße und aalglatter Geschmeidigkeit beisteuerten. Typisches Mahler-Sentiment im himmlischen Andante stieß dann im Finalsatz auf dämonischen Marschtaumel, der bei einigen idyllischen Gegenweltpassagen in den berühmten Hammer­schlägen und apokalyptischer Hoffnungs­losigkeit mündete. Letztes Aufbäumen – in Moll abschattiertes Verdämmern – betroffene Stille – befreiter Schlussjubel!

Wiederholung des Konzertes am Donnerstag, 23.Mai 2019, 20 Uhr, Sønderburg (DK), Alsion

Von Detlef Bielefeld

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