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Kultur Einmal Elysium, immer Elysium
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19:03 04.02.2019
Die Unterwelt ist gar nicht so furchterregend: Der Sänger Dmitry Korchak (Mitte) als "Orphée" agiert mit Tänzern des Ballettensembles. Quelle: Markus Scholz
Hamburg

Ansonsten zerfließt Christoph Willibald Glucks „Tragédie-opéra“ Orphée et Eurydice wie aus einem Guss in vollendet entrückter Schönheit und Zeitlosigkeit. Die französische Fassung von 1774 mit ihrem für Paris typischen hohen Anteil an Tanzeinlagen sieht der Choreograf als Einladung, über seine Kunstform und ihre Inspirationsquellen nachzusinnen – nicht ohne Grund als Hommage an Sybil Shearer, die 2005 (allerdings hochbetagt) verstorbene Legende naturmystischer Choreografien.

Selige Toteninsel nach Böcklin

Die Neumeier-Compagnie bespiegelt sich im jenseitigen Zwielicht vor dem Hintergrund von Böcklins symbolistischem Gemälde Die Toteninsel selbst: Orpheus erscheint hier als ihr aktueller Choreograf, der sich in der Probe mit seinem Tanzstar Eurydike verkracht und sie wenige Minuten später schicksalhaft verliert. Amor, sein in ihn hoffnungslos verliebter Assistent, ermutigt ihn, seine herzerweichenden Klagen in der Unterwelt vorzutragen. Obwohl er dort erfolgreich für seine irdische Liebe wirbt, scheitert er am keimenden Zweifel der zu neuem Leben erwachten Wunschfrau: Eurydike bleibt – wahrscheinlich auch, weil dieser Hades abgesehen von ein paar krötigen Muskelakrobaten die zauberhaftesten Furien und anmutigsten Schatten zu bieten hat, die man sich denken kann. Einmal Elysium, immer Elysium ...

Schwereloses Tanztheater

Angesichts dessen kämpft man selber mit Todes Bruder Schlaf oder kann sich gar nicht satt sehen an Neumeiers musiknahem Wogen der scheinbar schwerelosen Körper in Trauerkrämpfen und Hoffnungsgesten; am innigen Zeichendialog vom Tanzsolisten-Double des Titel-Paares (Edvin Revazov und Anna Laudere); am sanften Glimmen der Lichtführung und dem widerstandslos gleitenden Kreiseln der aus einem einsamen WG-Zimmer abstrahierten pyramidalen Bühnenbauten.

Vereinzelte Buh-Rufe gegen Neumeier

Bedauerlich ist nur, dass die Choreografie, die Orpheus nach seinen tiefschürfend existenziellen Erlebnissen in der Unterwelt dann im Gedenken an Eurydike kreiert, so nichtssagend konventionell wirkt. Neben riesigem Jubel hat Neumeier vielleicht auch deswegen als Regisseur und Ausstatter einige Buh-Rufe auszuhalten.

Apollinisches Orchester

Die Philharmoniker überraschen unter der Leitung des Barockspezialisten Alessandro De Marchi mit einer angepasst apollinischen Lesart. So gelingen die ruhigen Abschnitte, die Soli der Flöte und die leichten Tänze wunderbar, während es dem Furientanz an dramatischer Dämonie mangelt. Das ebnet zwar die Kontraste gefährlich ein, verhilft aber dem ebenfalls im Graben platzierten Chor (Einstudierung: Eberhard Friedrich) und drei wunderbaren Stimmen Raum zur vollen Entfaltung.

Drei eindrucksvolle Stimmen

Der Russe Dmitry Korchak bringt für die Tenorpartie des Orpheus sowohl den obertonreichen Schmelz französischer Gesangskultur als auch die leuchtend aufflammende Emphase eines mythischen Helden ein. Seine berühmte Arie (Ach, ich habe sie verloren ...) kann man anders, aber kaum überzeugender gestalten. Andriana Chuchman, Sopran aus Kanada, entwickelt die emotionale Intensität der Eurydike aus einer nuanciert farbsatten Mittellage heraus. Und die junge Deutsche Marie-Sophie Pollak begeistert als L’Amour-Einspringerin mit blitzblank strahlenden Barocksopranhöhen. Glucks Terzett vom erfolglos heimgekehrten Orpheus, dem Trost spendenden Amor und der noch einmal aus dem Jenseits herübertönenden Eurydike, eine Innovation des Opernreformers, ist ein inniger musikalischer Höhepunkt im Reigen der artifiziellen Verlustbewältigung.

Aufführungstermine in der Staatsoper

Termine am 6., 9., 12., 16. und 19. Februar. Karten: 040 / 35 68 68 www.staatsoper-hamburg.de

Weitere Fotos aus der Gluck-Inszenierung von John Neumeier an der Staatsoper Hamburg.

Von Christian Strehk

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