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Kultur Jenseitige Schemen und kafkaesker Humor
Nachrichten Kultur Jenseitige Schemen und kafkaesker Humor
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13:09 31.01.2019
Körperlich unaufwändiger Tastenzauber: Josef Bulva in der Kieler Ansgarkirche. Quelle: Marco Ehrhardt
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Kiel

Im dramatisch aufgewühlten Kopfsatz, im widerborstig gewitternden Scherzo oder im reich aufgefächerten, dabei nie kitschigen Trauermarsch: Überall sucht und findet der vermeintlich so „objektiv“ spielende 76-Jährige Ausdrucksextreme – und das ohne vordergründige Zicken oder bloßes Effekt-Gedonner.

Skrjabin reagiert auf Chopin

Und er unterfüttert überzeugend seine Behauptung, Alexander Skrjabin habe in seiner fis-Moll-Sonate explizit auf Chopin reagiert. Das Finale lässt er geheimnisumwittert, aber tröpfchenklar glitzern, den Kopfsatz malt er nicht vorimpressionistisch flächig, sondern wahrhaft „drammatico“ als hakelige Vorahnung der russischen Moderne.

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Beethoven Opus 90: Expressiv zerklüftet

Schon vor der Pause beginnt Bulva nervös, aber stupende feingestuft. Derart überraschende Lautstärke-und Sphären-Kontraste soll ihm bei Mozart (KV 570) erstmal jemand nachmachen. Die e-Moll-Sonate op. 90 von Beethoven tönt expressiv zerklüftet, im Wechsel zögernd und drängend wie selten. Hier scheint der physisch und psychisch angeschlagene Komponist an der Schwelle zum Spätwerk direkt vorromantisch mit dem todwunden Wanderer Franz Schuberts zusammenzutreffen. Deshalb singt der zweite Satz dann auch berührend von einer anderen, einer besseren Welt.

Tschechischer Humor: Beethovens Opus 78

In Beethovens Fis-Dur-Sonate op. 78 und im staunenswert entfesselt züngeln- und prasselnden Alla Ingharese quasi un Capriccio op. 129 entdeckt der Tscheche kafkaesken Humor und visionär modern gedachte Wendungen. Von einer letztlich läppischen Wut über einen vermeintlich „verlorenen Groschen“ bleibt kein Spur.

Wahnwitzige Zugabe: Mendelssohns Capriccio

Auch die Zugabe in der von begeisterten Hörern voll besetzten Ansgarkirche, Mendelssohns Capriccio op. 14, schließt organisch den Kreis, wächst vom Showstück mit höchstem Schwierigkeitsgrad zu einer wahnwitzigen, aber eher magisch in sich gekehrten Intensität.

Von Christian Strehk

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