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Kultur Das Rätsel des Universums
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12:00 20.07.2019
Von Ruth Bender
Der norwegische Schriftsteller Jostein Gaarder kann immer noch jeden Morgen über die Welt staunen.
Der norwegische Schriftsteller Jostein Gaarder kann immer noch jeden Morgen über die Welt staunen. Quelle: PETER HASSIEPEN
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Oslo/Kiel

Ihr neues Buch heißt „Genau richtig“. Wie sind Sie auf den Titel gekommen und was bedeutet er?

Die Idee hatte ich früh, weil die Geschichte das Märchen vom Goldlöckchen und den drei Bären aufgreift, in dem die Titelfigur Bedingungen vorfindet, die scheinbar zufällig für sie genau richtig sind. So wie sie auch der Protagonist Albert in seinen Überlegungen zum Universum entdeckt. Auch damit die Erde entstehen konnte, mussten bestimmte Faktoren „genau richtig“ zusammen kommen. Das ist die so etwas wie die Quintessenz der Welt.

Sie konfrontieren die Hauptfigur mit einer schlimmen Diagnose, einer unheilbaren Krankheit. Warum?

Sie ist der Motor für Albert, über sein Leben zu reflektieren. Die Geschichte spannt sich über 40 Jahre. Er erzählt seine Liebesgeschichte mit Eirin, von der Geliebten Marianne. Dabei könnte Albert jeder von uns sein. Wir leben alle in dem Bewusstsein, dass wir die Welt irgendwann wieder verlassen müssen. Die Diagnose spitzt das zu; eine Art Gedankenspiel: Die Diagnose lässt ihn über das menschliche Schicksal im Allgemeinen nachdenken. Irgendwann landet er beim Universum, den ganz großen Fragen: Ist es Zufall, dass ich hier bin, meine Frau getroffen habe und so weiter. Wir kennen doch alle solche Fragen.

Sie haben den Roman halb als Essay und halb als Beichte geschrieben …
Und als Vorlesung. Albert entwickelt seine Gedanken ja in großer Nähe zu seinen Mitmenschen, vor allem für seine Frau.

Ist er in dieser Weise mit Ihnen verbandelt, weil Sie Ihren Lesern auch Vorträge halten?

Ich denke schon. Überhaupt teile ich eine ganze Menge Eigenschaften mit Albert. Es ist nicht meine Geschichte – aber ich fühle mich ihm näher als früheren Charakteren. Ich empfinde mich selbst als eine Art philosophischer Charakter – und so geht es auch Albert.

Sie scheinen hier auch „Das Orangenmädchen“ wieder aufzugreifen über einen Jungen, dessen Vater stirbt, ihm einen ganz ähnlichen Brief zurücklässt und darin die Welt erklärt.

Das stimmt, ich habe nur die Perspektive gewechselt. Das Universum ist für beide Romane die Grundierung. Und ich selbst hatte immer schon, schon als kleiner Junge, das Gefühl, ich sei Teil eines Mysteriums und das Universum ein großes Rätsel.

Ist genau dieses Rätsel für Sie der Antrieb zum Schreiben?

Mit zehn, elf bin ich immer mit so einem Staunen aufgewacht: Toll, das ist die Welt. Ich habe meine Eltern gefragt: Findet Ihr es nicht auch seltsam, dass wir sind, dass die Welt existiert? Meine Eltern haben dazu nur trocken gesagt: Naja, nicht wirklich. Das hat mich total irritiert, weil ich ganz sicher war, dass ich recht hatte. Damals habe ich entschieden, niemals erwachsen zu werden. Keiner von denen, der die Welt als selbstverständlich nimmt. Und als ich angefangen habe zu schreiben, in meinen Zwanzigern, war das vielleicht eine Art Rache. Ich wollte mir versichern, dass ich recht hatte. Das treibt mich: dass ich meine eigene Erfahrung des Rätsels des Lebens und des Universums teilen will. Ich bin ein Humanist, aber ich habe auch mein ganzes Leben die Entwicklung der Naturwissenschaften verfolgt, vor allem die Astrophysik. Es ist erstaunlich, wieviel tiefer heute unser Verständnis des Universums ist. Aber das Rätsel bleibt.

Der Tod spielt wie hier für Albert in Ihren Büchern eine große Rolle. Denken Sie oft über den Tod nach?

Eigentlich dreht sich in meinen Büchern alles um die Existenz, das Leben. Der Tod ist das Gegenteil davon. Ich habe früh verstanden, dass ich auf der Erde nur für eine kleine Weile bin, ein Gast. Das Leben ist sehr kurz. Deswegen ist es fast unmöglich, das Leben zu erfahren, ohne gleichzeitig das Ende im Blick zu haben. Zu wissen: Eines Tages bin ich weg. Leben und Tod sind die beiden Seiten der Medaille, die Existenz heißt. Und ich habe das Gefühl, dass Menschen oft erst, wenn sie so ein Schicksalsschlag trifft wie Albert, ein tiefes Verständnis für das Leben bekommen. Man kann es nicht ohne dessen Gegenseite, ohne die Nicht-Existenz lesen.

Ist die Gewissheit, dass wir nur kurz hier sind, für Sie eine Sorge oder einfach eine Information?

Gute Frage. Als ich Ende 20 war, hatte ich große Angst vor dem Tod. Heute ist es eher eine Trauer darüber, dass wir gehen müssen.

Albert hat ja bei aller Düsternis auch einen Sinn für die lichten Momente …
Das ist ja das Fantastische, dass alles mit allem zusammenhängt. Dass dieselben Atome, die durchs All fliegen, die sind, aus denen wir gemacht sind. Dass wir hier sind, einander treffen. Albert erkennt das in dieser Nacht. Ich habe das übrigens ganz oft, dass ich morgens aufwache und mein erster Gedanke ist: Wow! Ich bin immer noch da.

Albert beginnt mit der Wissenschaft, kommt aber irgendwann an deren Grenzen und landet bei der Religion.

Ja, er fragt sich, ob das alles ein Zufall ist oder es doch so etwas wie einen höheren Plan gibt. Das Leben, die menschliche Existenz. Die Natur des Universums. Ich selbst habe eine Art pantheistische oder agnostische Haltung entwickelt. In der Erkenntnis, dass es keine letzte Erklärung gibt. Das macht einen gelassen. Und so kann auch Albert in der Begegnung mit einem alten Mann seinen Frieden machen.

Er kann sich sogar darüber freuen, dass die Welt auch ohne ihn weitergehen wird. Glauben Sie selbst daran in Zeiten von Klimawandel und Entfremdung?

Darüber bin ich wirklich sehr besorgt. Das ist die Arena, in der ich mich politisch engagiere. Ich habe mich entschieden, Optimist zu sein. Denn das impliziert Widerstand; und wir müssen kämpfen für eine nachhaltige Welt. Pessimist dagegen ist für mich ein Synonym für das Faulsein. Wir leben in einer sehr ernsten Situation für den Planeten und die menschliche Zivilisation. Ich denke, dass ist die größte Herausforderung der Menschheit überhaupt. Dass ich gehe, kann ich akzeptieren; aber dass die Welt durch unser Verhalten Schaden davon trägt – das nicht.

Also glauben Sie an den Fortgang der Welt.

Ich kann mir nicht erlauben, Pessimist zu sein. Und man sieht in der jüngeren Generation, dass es eine neue Aufmerksamkeit dafür gibt. Das macht Hoffnung. Es gibt Pessimismus und Optimismus – und dazwischen liegt dieser Begriff: Hoffnung.

Sie schreiben über so große wissenschaftliche Fragen – aber alle Bücher haben auch diesen märchenhaften Aspekt.

Das menschliche Gehirn ist für Geschichten gemacht. Vielmehr als für digitales enzyklopädisches Wissen. Das vergessen wir. Aber eine Geschichte bleibt hängen, wir können daran teilnehmen, sie weiter erzählen. Ich glaube an die Geschichte. Etwa von E.T.A. Hoffmann oder der Brüder Grimm. Die sind meine Inspiration. Aber ich lese auch viel naturwissenschaftliche Literatur. Das ist der Stoff, aus dem meine Geschichten sind. Das ist vielleicht ein Paradox: Ich lese wissenschaftliche Bücher und schreibe Märchen über das Universum.

Jostein Gaarder: Genau richtig. Die kurze Geschichte einer langen Nacht. Hanser Verlag, 128 Seiten, 16 Euro

Die Lesungen in der Kunsthalle Kiel (22. Juli) und im Deutschen Haus Flensburg (23. Juli) sind bereits ausverkauft. Karten gibt es noch für Hohwacht (24. Juli) und Lübeck (25. Juli). www.literaturhaus-sh.de

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