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Kultur Jubel um „Pit & Paula"
Nachrichten Kultur Jubel um „Pit & Paula"
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00:00 07.04.2013
Von Jörg Meyer
Kinderoper von Bernd Wilden, Theater im Werftpark Quelle: Struck
Kiel

Beide sind so weiß wie unschuldig: Zucker und Salz. Ganz ins Weiß des minimalistischen Bühnenbilds (Elisabeth Richter) und der mal futuristischen, dann blendend barocken Kostüme (Sabine Keil) ist auch das Spielfeld im Theater im Werftpark getaucht. Für Prinzessin Paula gilt es zu unterscheiden zwischen dem Blendwerk der höfisch überzuckerten Etikette und dem mattweißen Salz, aus dem bekanntlich das wirkliche Leben ist.

 Erst wenn Salz so viel wert ist wie Gold, darf Paula, jüngste von drei Töchtern des amtsmüden Königs Konrad, zurück kommen und das Land retten, in dem vorerst ihre beiden Schwestern dem vergänglichen Tand von Gold und Schönheit huldigen. Verbannt ist Paula ins Reich der hexenden Alten, wo auch Frettchen Fred seine rappenden Kapriolen schlägt. Wie ihr Freund Pit, Hoflieferant des Gemüses, das ohne Salz nur fad schmeckt. Aus zwei Märchen, dem tschechischen Salz ist wertvoller als Gold und der Gänsehirtin am Brunnen der Brüder Grimm (auch Aschenputtel schwingt mit) hat Komponist Bernd Wilden eine wundervolle Märchenoper gezaubert.

 Wundervoll, weil hier nicht nur Zeichen, sondern auch noch Wunder geschehen. Was das zauberflötende Paar Pit und Paula verbindet, ist Rebellion: Der eine gegen die Armut, die andere gegen den nur vermeintlichen Reichtum. Zwei Aussteiger, die sich kurz begegnen, dann aber ihre je eigenen Wege zueinander finden müssen.

 Als Parabel auf den zunehmend brüchigen Reichtum derer, denen es bei allem Gold doch am Salz der Seele mangelt, und die Armen, die sich in „Occupy“-Camps gegen die seelenlose Macht des Kapitals stemmen, kann man die Uraufführung der Kinderoper in der Regie von Nele Tippelmann und unter der musikalischen Leitung Michael Nündels lesen. Aber auch als vieldeutig ironischen Spaß auf all das. Den jungen Frauen aus dem Jugendchor der Oper Kiel ist er auf den gesanglichen wie spielerischen Leib geschrieben. Ganz großes Kino aus Versatzstücken von Mozart, Pop und Musical. Ein Lehrstück zudem, was Oper und Operette sind und sein können: das gewitzt gewürzte Gran Salz in der manchmal zähen Suppe modernen Musiktheaters.

 Wer hier ganz vorn in der Publikumsgunst steht, ist auch im brandenden Schlussapplaus nicht gewiss. Mae Dettenborn, die Paula zwischen Pubertätszweifeln und utopischer Träumerei anlegt? Rahel Brede, die in der Hosenrolle des Pit auch stimmlich resolute Bodenständigkeit zeigt? Lara Pansegrau als Zauberin mit deutlichen Anspielungen auf die ambivalente Königin der Nacht aus Mozarts Zauberflöte? Oder doch Ronja Donath als „echt krasses“ Frettchen Fred, das mit rap- wie musical-sicherer Bauernschläue das hiphoppende Heft eines neuen Papageno in der Hand hält? Wundervolle Figuren allesamt; man mag sich gar nicht satt sehen und hören an ihnen wie ihren bis in jede Nebenrolle hochklassigen Mitspielerinnen.

 Ein Geniewurf aller Beteiligten, ein Opernsalz, von dem man über die Spielzeit hinaus wird zehren können, gestreut so würzig wie zuckersüß. Kurzum: ein – im doppelten Wortsinne – märchenhaftes Musiktheater-Festmahl für jeden Geschmack.

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