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Kultur Konfliktreicher Händel
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15:01 30.05.2018
Von Jürgen Gahre
Eitle Frage: Soll der von den Römern gefangengenommene Arminio (Christopher Lowrey) mit seinen Feinden kollaborieren? Quelle: Alciro Theodoro da Silva
Göttingen

Der Wettbewerb richtet sich an Nachwuchsensembles mit einem Repertoireschwerpunkt im Bereich der Barockmusik in historisch informierter Aufführungspraxis. Als Teil des internationalen Stipendiatenprogramms „eeemerging“ wird der Wettbewerb zudem im Rahmen des Programms „Kreatives Europa“ der Europäischen Union gefördert. Ein positives Signal am Rande - ganz ohne das Festivalmotto "Konflikte".

Motto Konflikte

Vor einhundert Jahren wurde einer der größten und furchtbarsten Konflikte der Menschheitsgeschichte, der Erste Weltkrieg, beendet. Was liegt da ansonsten näher für die Internationalen Händel Festspiele Göttingen als sich mit dem Thema „Konflikte“ auseinanderzusetzen? Kriegerische Auseinandersetzungen hat es zu Händels Zeiten schließlich auch gegeben, und immer wieder hat der aus Halle stammende Wahllondoner die Schlachten und Friedensschlüsse der englischen Krone mit seinen Kompositionen begleitet. Man denke nur an das „Utrechter Te Deum“ (1713), das „Dettinger Te Deum“ (1743) oder die „Feuerwerksmusik“ (1749).

Jakobitenaufstand zu Händels Zeit

Einer der bedrohlichsten Konflikte aber war zweifellos der Jakobitenaufstand von 1745/46, als Charles Edward Stuart, der so genannte „Bonnie Prince Charlie“, zwar zunächst große Erfolge gegen die Truppen des Hauses Hannover verbuchen konnte, dann aber doch im nordschottischen Culloden von Wilhelm August, dem Herzog von Cumberland (einem Sohn Georgs II.) vernichtend geschlagen wurde.

Oratorium Judas Maccabaeus

Georg Friedrich Händel feierte den Sieg über den katholischen Prätendenten auf seine Art, mit dem Oratorium „Judas Maccabaeus“. Das Libretto basiert auf dem in der Bibel beschriebenen Kampf der Juden gegen die Seleukiden und konnte vom Londoner Publikum ohne Schwierigkeiten auf die aktuelle politische Situation bezogen werden – deswegen der überwältigende Erfolg! Der Erfolg aber ist dem Werk bis heute treu geblieben, denn die Musik ist eingängig und oft auch mitreißend.

Händel-Kenner Laurence Cummings

Und wenn ein so ausgewiesener Händel-Kenner wie Laurence Cummings das Festspielorchester Göttingen und den exzellenten NDR-Chor dirigiert, dann gerät das Publikum schon mal aus dem Häuschen. Mit begeistertem Applaus aber wurden auch die Gesangssolisten gefeiert, Kenneth Tarver (Tenor) in der Titelrolle, Deanna Breiwick (Sopran) und Sophie Harmsen (Mezzosopran) als Israelitin und Israelit, João Fernandes (Bass) als Simon und Owen Willetts (Countertenor) als Priester. Das Herzstück des Oratoriums, die Lobpreisung der Freiheit, der „ever-smiling liberty“, die zu „eternal pleasures“ führt, wurde in Cummings' Interpretation der überwältigende Höhepunkt des „Judas Maccabaeus“!

Aufführung der Oper Arminio

Das Festival-Thema „Konflikte“ ist auch für die Aufführung des „Arminio“ ergiebig, handelt es sich doch in dieser 1737 im Londoner Covent Garden uraufgeführten Oper um den Krieg der Römer gegen die Germanen, der in der Schlacht im Teutoburger Wald (9 n. Chr.) zum Sieg des Arminius (Hermann der Cherusker) über das römische Heer unter Varus führte.

Historisches nur am Rande

Die historischen Ereignisse werden in der Oper natürlich nur am Rande gestreift. Im Mittelpunkt steht der hochmütige Arminio, der sich, obgleich er besiegt worden ist, nicht dem Joch der Römer beugen will. Sein romfreundlicher Schwiegervater Segeste droht ihm zwar mit der Todesstrafe, kann aber seinen Stolz nicht brechen. Dann aber besiegt Arminio das römische Heer und schenkt nunmehr seinem ehemaligen Kontrahenten Segeste das Leben.

Kreative Fantasie der Regie

In dieser inhaltlich so „offenen“ Händel-Oper hat der Regisseur die Möglichkeit, seiner kreativen Fantasie freien Lauf zu lassen. Erich Sidler, seit 2014 Intendant des Deutschen Theaters Göttingen, hat sich bei seiner ersten Händel-Inszenierung für ein Bühnenbild entschieden, das zeitlich nicht festzulegen ist (Bühnenbild: Dirk Becker). Einige große, würfelartige Gebilde mit offenen Seiten sind drehbar und verschiebbar und sorgen dadurch für Bewegung und Abwechselung auf einer ansonsten leeren, einfallslosen Bühne – man gibt schnell auf, darin irgendeinen Sinn zu suchen.

Der Eindruck des Zufälligen

Auch bleibt unverständlich, warum das Innere eines solchen Würfels, das Arminios Gefängnis darstellen soll, einen Wald suggeriert. So manches macht in Erich Sidlers Inszenierung den Eindruck des Zufälligen und Beliebigen. Das „lieto fine“, das glückliche Ende der Oper, wird hier auf recht groteske Art hinterfragt: Wenn Arminio und Tusnelda, seine Ehefrau, in jubelnden Tönen ihre neu gewonnene Liebe besingen und ihre Großherzigkeit gegenüber ihren Feinden  preisen, bedrohen sie die Besiegten  ständig mit Pistolen, die sie mal auf den einen, mal auf den anderen richten. Während der Vorhang dann fällt, werden Segeste und der Tribun Tullio entgegen den vorhergegangenen Versprechungen hingerichtet.

Bühnenpräsenz des Countertenors

Der Titelheld wirkt in dieser Produktion keineswegs heroisch.  Er wird von Sidler als überaus eitel und überheblich gezeichnet, der in seinen Beteuerungen wenig glaubwürdig ist. Dazu passt es, dass er sich gerne in schmucker Uniform im Spiegel betrachtet und sich sogar in misslichen Lagen noch von Künstlern porträtieren lässt. Diesem wenig sympathischen Menschen aber verleiht der Countertenor Christopher Lowrey eine hinreißende Bühnenpräsenz. Bewundernswert sind nicht nur seine brillanten, blitzsauber gesungenen Koloraturkaskaden, sondern auch seine innigen Töne der Todesbereitschaft in „Vado a morir“.

Sopran mit Gold in der Kehle

Aber auch die Sopranistin Sophie Junker hat Gold in der Kehle. Man denke nur an ihren fulminanten Abgang am Ende des ersten Aktes mit „Posso morir, ma vivere“. Die zwischen Liebe und Pflicht hin- und hergerissene Tusnelda hat ihre große, intimste Gefühle auslotende Arie am Ende des zweiten Aktes: „Rendimi il dolce sposo“. Die Sopranistin Anna Devin singt das mit einer Tiefe, die zu Herzen geht. Als Ramise, Arminios Schwester, brilliert die Altistin Helena Rasker in der reizvollen Arie „Niente spero, tutto credo“. Der Bass-Bariton Cody Quattlebaum ist ein herrlich fieser Segeste und der Tenor Paul Hopwood ein etwas blasser Varo. Bleibt Owen Willetts als niederträchtiger Tullio: Seinem schönen, geschmeidigen Countertenor gewinnt er abgrundtiefe Gemeinheiten ab, wenn er Segeste zu Arminios Hinrichtung rät.

Verve des Festspielorchesters

   Das FestspielOrchester Göttingen spielt unter der Leitung des Laurence Cummings mit einer Verve und Hingabe, die jeden Takt mit Leben und Bedeutung füllt. Dass stets präzise und punktgenau musiziert wird, versteht sich bei diesem brillanten, handverlesenen Orchester von selbst. Laurence Cummings aber beflügelt es mit seiner Begeisterung und überträgt seine Liebe für Händel auf jeden einzelnen Musiker. So entsteht ein Orchesterklang, der ebenso biegsam und beseelt wie kraftvoll ist. Enthusiastischer Applaus für alle, etwas gedämpfter für das Regie-Team.

www.haendel-festspiele.de

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