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09:12 25.05.2019
Von Beate Jänicke
Trennwand als Kulisse: Das Jugendclub-Ensemble spielt „Der Besuch“. Quelle: Stefan Louisoder
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Kiel

 „Wie peinlich!“, tönt da der Chor der Mitschüler. Ein gelungener Einstieg in die selbst verfasste Version des modernen Klassikers "Der Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt.

Die 17 Jugendlichen zwischen 13 und 16 Jahren haben ihre eigene Interpretation des bekannten Stoffes unter der Regie von Karolin Wunderlich und Assistentin Johanna Vogt geschrieben und entwickelt. Schauplatz der Geschichte ist kein abgelegenes Dorf mehr, sondern ein Schulhof. An den kehrt die ehemalige Schülerin Clara zurück. Früher war sie mit Aris zusammen, der sie denkbar schlecht behandelt hat. Inzwischen ist aus Clara Claire geworden, ein umschwärmter Social-Media-Star. Die ehemaligen Mitschüler versprechen sich neue Follower durch ihre Anwesenheit an der alten Schule. Aber Claire will vor allem: Rache.

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Stimmige Transformation in die Gegenwart

Die sehr flüssige, mit kurzen Videoeinspielungen und choreografierten Passagen (Paula Urban) ausgestaltete Geschichte spult sich spannend und unterhaltsam ab. Sehr stimmig und frisch wirkt die Transformation in die Gegenwart. Der universelle Stoff funktioniert im Schul-Setting wunderbar, die Jugendsprache macht das Stück heutig. In vielen kleinen Szenen überzeugt das durchweg auf hohem Niveau agierende Ensemble: Da gibt es die kreischenden Fans, die unbedingt ein Selfie abgreifen wollen, die coolen Schulhofjungs, den nerdigen Besserwisser. Der Wechsel zwischen Einzel- und Gruppenbildern bekommt dem Spielfluss gut. Es gibt komische Elemente, wie die schön überdrehte Parodie eines YouTube-Tutorials zum Herstellen von Glitzerschleim. Und nachdenklich machende Szenen, wie die gleichförmig zombiehaft über imaginäre Smartphones wischende Menge.

Nur Trennwände als Kulisse

Die mit wenigen Handgriffen verschiebbaren Trennwände genügen völlig als Kulisse. Anton Dürr in der Rolle des Aris und Madita Strunk als Claire liefern sich emotionale Wortduelle. Zunächst will Angeber Aris Claire noch becircen, um sie ein weiteres Mal für seine Zwecke einzuspannen („Sie könnte uns für ein paar Fotos verlinken!“). Doch die toughe Claire lässt ihn abblitzen und bringt nach und nach die ganze Schülerschaft hinter sich – nur für ein paar Follower mehr, die sie ihnen verschafft. Sogar Aris Schwestern und seine neue Freundin wenden sich ab. Claire will Aris vernichtet sehen. „Wer tötet denn schon für Fame?“, fragt Aris wütend Claire, die er einst selbst mit Posts im Netz bloßgestellt hat. „Ja, Aris, wer tut das schon?“, fragt die zurück. Ein starkes Stück Jugendtheater, in dem ein Klassiker in ein neues Gewand gesteckt wurde.

www.theater-kiel.de

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