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Kultur Video: H.C. Hoth ist "der Komiker"
Nachrichten Kultur Video: H.C. Hoth ist "der Komiker"
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20:52 27.05.2020
Von Ruth Bender
Im Spurt durch alle Rollen: Hans-Christian Hoth im rasanten Einsatz. Quelle: Ulf Dahl
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Kiel.

Der Pastor ist im Krisenmodus. Er sitzt und wogt. Er quäkt und salbadert. Urgestein des Predigers. Die Arme weit, den Blick gen Himmel entfaltet er für seine Schäfchen das Gleichnis vom Schiff, das sich im Sturm nicht mehr auf alle der Nieten verlassen kann, die den Kahn doch eigentlich zusammenhalten sollen. Da ruft er lieber gleich zum Online-Gemeindeabend anstatt in die auch schon vor der Corona-Pandemie notorisch leeren Kirchen.

Von Schiffen und Nieten erzählt Hans-Christian Hoth

„Den Pastor hab’ ich 1989 so in die Maschine getippt“, sagt Hans-Christian Hoth, „und seitdem ernährt er mich.“ So eine Figur, die kann auf der Bühne alles transportieren. Im Schmidt-Theater in Hamburg, wo der Kieler Schauspieler und Komiker in den Neunzigern zum festen Repertoire gehörte, hat der Pastor damals sogar Eheberatungsgespräche geführt. So einer kommt auch mit Corona klar. Weil die Geschichte vom Schiff und den Nieten zwischen Lockerungsbemühungen und Verschwörungstheorien gerade besonders gut passt. Gesellschaftskritik subkutan.

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KN-Bühne: So können Sie spenden

Die KN-Bühne lädt täglich außer montags um jeweils 20 Uhr zur Vorstellung KN-online. Damit bietet sie den vom Veranstaltungsverbot der Corona-Krise besonders hart getroffenen freien Künstlern eine Plattform.

Spenden gehen auf das Konto von „KN hilft e.V.“ bei der Fördesparkasse (DE 05 2105 0170 1400 2620 00). Die Summe wird wöchentlich unter den beteiligten Künstlern aufgeteilt.

Natürlich, es fehlt das Publikum auf der KN-Bühne. Das einmalige Ereignis, das, was sich zwischen Bühne und Auditorium zuträgt. „Das ist ja nicht wiederholbar“, sagt Hoth, der sich im Laufe der Jahre und Stücke sein eigenes kleines Panoptikum erschrieben und erspielt hat. Mit Felix Weltrang, dem eloquenten Blender, mit dem abgebrannten Schauspieler („Ich bin der Komiker“), der aus dem Nähkästchen der Kleinkunst plaudert. „In der Kühlkammer habe ich mich tatsächlich auch schon mal für einen Auftritt umziehen müssen“, erzählt der Komiker – und noch ein paar andere haarsträubende Anekdoten aus der Skurrilitätensammlung.

Und jedes Mal ein anderer

„Anstrengend“, sagt Hoth zwischen zwei Szenen und wischt sich über die Stirn. Aber es macht ihm auch sichtlich Spaß, das Zwischenspiel in der Zwangspause. Wie er die Sprache moduliert, den Rollen ihre jeweiligen Bewegungsmuster überstreift. Sie ihren Ticks und Marotten ergibt. Und wirklich jedes Mal kommt dabei ein anderer um die Ecke. Frau Nöllmann, die so schön affektiert an ihrer Perlenkette fummelt, während sie junge Komiker irritiert und Schwiegersöhne mobbt. Oder der große Marcel Reich-Ranicki, der hier – kleine Hommage an den bevorstehenden 100. Geburtstag (2. Juni) – aus dem Stand ein Gedicht des Österreichers Rudolf Stibill auseinandernimmt: „Schlimmer als Peter Handke.“ Erstaunlich, wie aktuell das klingt.

Seit 35 Jahren ohne Netz und doppelten Boden

„Ich arbeite seit 35 Jahren ohne Netz und doppelten Boden“, sagt Hans-Christian Hoth. Was heißen soll, dass ihn die Corona-Krise nicht wirklich aus der Bahn geworfen hat. „Im Dezember habe ich ein paar Termine, die sind groß“, sagt er, „die müssen klappen, sonst ...“ Aber da ist auch noch der Faust; 1985 hat er seine Ein-Mann-Fassung mit Teufel uraufgeführt. „Da hätte ich schon gern eine schöne Jubiläumsvorstellung gegeben“, sagt er. Und es gab Pläne, den Klassiker in Tokio zu zeigen. „Na gut, das ist erstmal nur aufgeschoben ...“ Hoth übt sich in Gelassenheit, arbeitet an einem Hörbuch seines Solos La ville imaginaire mit 34 Gedichten von Rudolf Stibill, denkt über ein neues Stück nach und versucht, die Füße stillzuhalten und so durchzukommen durch die Krise. „Ich hoffe jedenfalls nicht“, sagt er, der einst vor der Bühne als Krankenpfleger gearbeitet hat, und versucht ein Grinsen, „dass ich wieder in einen systemrelevanten Beruf muss.“

Diese Künstler standen schon auf der KN-Bühne - zu den Videos: