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Kultur Erschreckend nah an der Wirklichkeit
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19:56 30.12.2019
Von Kai-Peter Boysen
Satirisches auf höchstem sprachlichen Niveau: Kabarettist und Parodist Reiner Kröhnert im Lutterbeker. Quelle: KAI-PETER BOYSEN
Lutterbek

Fast 20 (Polit-)Promis hauchte der wunderbare Parodist und Kabarettist Kröhnert  bisweilen erschreckendes Leben ein. Zu denen gehören an diesem Sonntag im voll besetzten Lutterbeker auch die Herren Honecker und Hitler, die in der Hölle beisammen sitzen und sich nach anfänglichen Streitigkeiten um die Jägerei und den Vegetarismus oder ihre Lieblinge Kim Jong-un einerseits und Recep Erdogan andererseits das „Du“ anbieten. Soviel Nähe schafft Raum für Schmeicheleien, so lobt Hitler den Überwachungsapparat der Stasi, während Honecker anerkennende Worte für die Propaganda der Nationalsozialisten findet.

Die vielen Gesichter des Intellekt

Und während man noch den bitteren Geschmack von Hitlers Aussage, dass er seine Fehler nicht wiederhole, was ihn im wesentlichen von seinem deutschen Volke unterscheide, auf der Zunge hat, wechselt Kröhnert in die Person des Michel Friedman und dessen Talkshow „Der Intellekt hat viele Gesichter“. Hier trifft als Dauergast der Philosoph Rüdiger Safranski auf Alltagsschwadronierer wie Boris Becker. „Schlagen Sie uns die Asse ihres Geistes um die Ohren“, fordert Friedman den Leimener auf. Der sieht sich zumindest Sokrates überlegen: „Der sagte ,Ich weiß, dass ich nichts weiß’ – ich weiß mehr!“ Auch ein Krieg habe eine gute Seite: „Peng – und die Schulden sind weg!“ Er habe ein Buch über sein Leben geschrieben, „und dieses Buch – ich les das sogar selber. Das ist so gescheit, ich krieg da beim Lesen richtig Kopfweh davon.“ Safranski greift diese Aussage auf: „Das klingt nach einem spannenden Konstrukt: Ein Autor, der sich mit seinem selbst verfassten Stoff als Adressat überfordert.“ Ein Beispiel für eine Vielzahl grandioser Interpretationen, die Kröhnert dem Philosophen in den Mund serviert.

Pointiert und auf höchstem sprachlichem Niveau

Es ist der reine Genuss, Kröhnert zuzuhören, pointiert und auf höchstem sprachlichem Niveau verschießt er seine satirische Munition. Dazu wechselt er in bemerkenswerter Geschwindigkeit die Rollen; eine Geste, eine Mine und seine präzise Körpersprache reichen aus, um die Person klar zu erkennen, Zitate und Anekdoten unterstreichen gekonnt die Piefigkeit, Dummheit oder Verschlagenheit seiner Protagonisten, zu denen Kinski und Kretzschmar, Schulz und Schröder, Merz und Merkel und natürlich Trump zählen.

Von den Launen eines Präsidenten

Der berichtet im heiseren Nuschelton von seinem Besuch im pfälzischen Kallstadt, dem Geburtsort seines Großvaters. Er sei enthusiastisch gefeiert worden, eine „Kallstadt Bitch“ mit „Nipples hard as Kruppstahl“ habe „Mach dich vom Acker, du Vollhorst!“ gerufen. „I felt, they love me“, schließt er daraus. Besonders in Erinnerung bleibt die quasi in Echtzeit demonstrierte Launenhaftigkeit des Präsidenten, der noch zu Beginn des Programms Lobeshymnen auf seine iranischen Freunde ins Smartphone tippt, um dann mangels Antwort am Ende des Abends zu twittern, im Iran gäbe es nur „bad guys – they must be destroyed forever!“ Lustig, wenn es nicht so nah an der Wirklichkeit wäre.

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