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Kultur Zum Rocken, Hören und Hinhören
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13:01 27.01.2019
Von Thomas Richter
Die Ur-Scherben Kai Sichtermann (Bassist seit 1970) und Funky K. Götzner (Schlagzeuger seit 1974, jetzt Cajón) mit Sänger Gymmick. Quelle: Björn Schaller
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Kiel

Der erste Eindruck

Vor gut vier Jahren haben sich  die „Scherben“-Urgesteine Kai Sichtermann (Bassist seit 1970) und Funky K. Götzner (Schlagzeuger seit 1974, jetzt Cajón) den Nürnberger Liedermacher Gymmick (Gesang, Gitarre, Klavier) ins Boot geholt, um auf dem Strom immer wieder aktueller sozialer und politischer Missstände mit unzerstörbaren Songs Volldampf zu geben. Und das funktioniert prächtig.

Gymmick, der bereits viele Jahre solo mit einem Rio Reiser/Scherben-Programm durchs das Land tourte und 2001 mit dem den Rio-Reiser-Songpreis als bester Solist ausgezeichnet wurde, nähert sich dem 1996 verstorbenen Vorbild  mit hoher Intensität und stimmlich mitreißend zwischen schnoddrigen Erhabenheit, zärtlicher Brüchigkeit und krächzender Wut. 

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Das Programm

Die  „Die Scherben“ war die wohl einflussreichste deutsche Band, die in den   1970er- Jahren bis zu ihrer Auflösung 1985 mit poetischen, sarkastischen, oft sloganhaft pointierten, aber von tiefer Emotionalität, träumerischer Naivität und einem beinahe verzweifelten Humanismus geprägten Texten am sozialen Gewissen der Bürger rüttelte.

Die Setlist liefert eine hervorragende Werkschau vom Scherben Ur-Song: "Macht kaputt, was Euch kaputt macht" über die „Hits“ des zweiten Albums etwa das titelgebende "Keine Macht für niemand", "Die letzte Schlacht gewinnen wir", die Hausbesetzter-Hymne "Rauch Haus Song", "Der Traum ist aus" oder "Schritt für Schritt ins Paradies" bis hin zu späteren Perlen wie "Laß uns'n Wunder sein",  "Der Turm stürzt ein", "Jenseits von Eden" oder "Sumpf Schlock". 

Mit Liedern wie "Am Jenseits" stand auch ein neuer Song mit der jetzigen Besetzung auf der Setlist, der sich allerdings ganz dem Geist der alten Scherben verpflichtet fühlte. Überflüssig zu sagen, dass die nahezu poppigen Chart-Hits wie "König von Deutschland" und "Junimond" aus Rios Solo-Zeiten nach der Auflösung der Band nicht fehlten.  

Das Publikum

Zeigte sich trotz der räumlichen Enge in bester Stimmung, war bei unkaputtbaren Widerstands-Klassikern wie "Macht kaputt was euch kaputt macht" textsicher und skandierte sich als aufrechter Arbeiter- und Bauernchor die vielleicht tief empfundene, vielleicht ironisch gebrochene Empörung von der linken Seele.

Was in Erinnerung bleibt

Der großartige Auftritt eines Trios, das die verschiedenen musikalischen und inhaltlichen Facetten der Songs von Reiser und den „Scherben“  exzellent abbildete. Von der Bühne rauchte es erdig und kraftvoll, mal mit sattem Groove dann wieder mit balladeskem Zauber, immer aber direkt und unverstellt.  Darüber hinaus ist Gymmick nicht nur wegen seiner stimmlichen Prägnanz kein simples Reiser-Double, sondern vielmehr ein nahezu perfekter, weil authentischer  Reiser-Performer.

Fazit

Ein Abend zum Rocken, Hören und Hinhören. Wer sich beispielsweise in die Migrations-Debatte zu Wort melden möchte, dem sei der Song "Mein Name ist Mensch" anempfohlen: „ Ich habe viele Väter. Ich habe viele Mütter, und ich habe viele Schwestern, und ich habe viele Brüder. Meine Väter sind schwarz und meine Mütter sind gelb und meine Brüder sind rot und meine Schwestern sind hell. Ich bin über zehntausend Jahre alt, und mein Name ist Mensch!“ (Geschrieben 1971)

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