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Kultur Verena Günther und Sara Diehl lasen im Literaturhaus
Nachrichten Kultur Verena Günther und Sara Diehl lasen im Literaturhaus
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17:22 23.04.2015
Von KN-online (Kieler Nachrichten)
Foto: Verena Günthner und Sarah Diehl
vlnr: Verena Günthner und Sarah Diehl Quelle: bos: Björn Schaller
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Kiel

Es bringen heißt das Romandebüt von Verena Güntner. Die freiberufliche Schauspielerin, seit 2007 an diversen Bühnen der Republik engagiert, versetzt sich in die Lebenswelt des 16-jährigen Luis. Das gelingt ihr so gut, dass sie es 2012 unter die Finalisten des „Open Mike“ schaffte, 2013 belegte sie den dritten Platz beim MDR Literaturpreis, im Rahmen des Ingeborg Bachmann Wettbewerbs wurde ihr der Kelag Pries verliehen. Luis lebt mit seiner Mutter im 15. Stock einer Hochhaussiedlung und leidet unter Höhenangst. Das passt nicht zu ihm, Luis ist ein „extrem potenter Junge“, ein großer Bringer, der bei Trinkspielen und Fickwetten immer vorn dabei ist. Und so versucht er, sich den Makel mit eiserner Disziplin abzutrainieren.

Denn Luis ist auch ein Kontrollfreak. Er hasst es, Dinge nicht im Blick zu haben. So hofft er etwa, sich in wochenlangen „Trainigseinheiten“ die Haut mit seinem Kindermesser so dünn zu schaben, dass er in sein Inneres hineinblicken kann. „Irgendwann passiert etwas in seinem Leben, womit er nicht gerechnet hat“, erzählt die Autorin. „In der Frage, ob und wie Luis mit dieser Veränderung zurecht kommt und ob für ihn eine Veränderung stattfinden kann, bestand für mich die Herausforderung, das Buch zu schreiben.“ Einen festen Plan habe sie nicht verfolgt. „Die Figur war irgendwann sehr vehement da und ging nicht mehr weg“, erinnert sich die 37-Jährige, der es reizvoll erschien, das Spannungsfeld zwischen dem „Bringer“ und dem zartbesaiteten Jungen auszuloten. „Ich wusste am Anfang nicht, wo das Buch landet, denn die Figur und die Geschichte hatten eine starke Eigendynamik. Meine Arbeit bestand darin, ihr zu folgen.“

 Auch bei Sarah Diehl steht ein Junge im Mittelpunkt. In ihrem ebenfalls 2012 erschienenen Romandebüt Eskimo 9 erzählt sie vom elfjährigen Eran, der mit seiner Familie aus Tel Aviv in die hessische Provinz gezogen ist. Sowohl in der Dorfgemeinschaft als auch in der Schule entsteht durch die Ankunft der Neubürger aus Israel das Bedürfnis, die Geschichte des Dritten Reiches aufzuarbeiten – was nicht immer ohne Komplikationen und Missverständnisse abgeht. „Es geht darum, wie Menschen mit Geschichte umgehen“, sagt die Berliner Autorin, die als Publizistin und Dokumentarfilmerin arbeitet. Historische Fakten spielen eine wichtige Rolle, ebenso wichtig sind ihr die komplexen Gedanken und Gefühle der Menschen vor dem Hintergrund dieser Fakten.

 Auch die Gegenwart spielt in dem mit klugem Humor erzählten Roman eine Rolle. „Man hat in Deutschland wenig Ahnung von der Lebensqualität in Israel. Alles wird auf den Nahost-Konflikt projiziert“, sagt die 37-Jährige. Indem sie eine Familie aus Israel in ein deutsches Dorf bringt, will sie zeigen, was passiert, wenn sich beide Seiten jenseits klischeehafter Projektionsflächen als Menschen begegnen. „Was für Fragen haben die dann aneinander? Darum geht es in dem Roman.“