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Kultur Rachmaninows toxische Leidenschaften
Nachrichten Kultur Rachmaninows toxische Leidenschaften
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16:46 29.04.2018
Eindrucksvoller Trauerzug der Zigeuner für die getötete Semfira (Mercedes Arcuri). Ganz vorn: ihr Vater (Timo Riihonen). Quelle: Olaf Struck
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Kiel

Eine Möwe wirkt noch harmlos. Aber wenn es viele werden, sie als lautlos schreiende Video-Botschafter über den Müllbergen unserer Hochzivilisation kreiseln, hört der Spaß auf. Zumal, wenn Sergej Rachmaninow dazu seine fahl instrumentierten Akkordketten ins tonale Nirgendwo wabern lässt. All das kriecht unter die Haut.

Prolog und Epilog aus "Francesca" klammern die Einakter

Valentina Carrasco, Regisseurin aus dem Hexenzirkel der katalanischen Performance-Gruppe La Fura del Baus, und Kiels Stellvertretender Generalmusikdirektor Daniel Carlberg verschränken maximal intensiv zwei Raritäten: Rachmaninows studentisches Frühwerk "Aleko" wird umklammert von Prolog und Epilog des spürbar reiferen Einakters "Francesca da Rimini".

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Philharmoniker suchen die Extreme der Partitur

Rachmaninow hatte Dantes Inferno für die distanzierte Betrachtung des doppelt tödlichen Eifersuchtsdramas um die spröde Francesca gewählt: In der Hölle verbüßen die ehebrüchige Schöne, ihr mordender Gatte Lanciotto und sein brüderlicher Nebenbuhler Paolo ihre Schuld. Hier komponiert Rachmaninow nah am Abgrund des spätromantisch Möglichen. Daniel Carlberg sucht und findet mit den Philharmonikern die Extreme zwischen kargem Knirschen und brennender Intensität. Carrasco zeichnet die Tat Alekos/Lanciottos spannungsvoll als Endlosschleife, als stets drohenden toxischen Abfall der Liebesleidenschaft. 

Titelpartien bestens besetzt

Carlberg kann auf einen sehr gut von Lam Tran Dinh einstudierten Opern- und Extrachor zählen. Die Titelpartien sind mit Jörg Sabrowski und Mercedes Acuri bestens besetzt. Der Tenor Yoonki Baek bietet dafür als „junger Zigeuner“ und Paolo eine frisch verlockende Projektionsfläche.

Großartig choreographierte Inszenierung

Die großartige Inszenierung, Choreographie und Video-Performance Carrascos wirkt so fesselnd, weil sie präzise, bildstark, ästhetisch geschlossen und musikalisch feinfühlig Einzelpersonen und Massen zueinander in Beziehung setzt. Das Bühnenbild von Andrea Miglio und die Kostüme von Barbara del Piano greifen die beklemmende Müll-Metapher immer wieder auf.

www.theater-kiel.de

Von Christian Strehk

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