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Kultur Moral und Zerfall: Monteverdis Poppea
Nachrichten Kultur Moral und Zerfall: Monteverdis Poppea
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17:21 06.08.2019
Italienisches Team für ein italienisches Meisterwerk: Regisseurin Serena Sinigaglia und Dirigent Alessandro Quarta. Quelle: Marco Ehrhardt
Kiel

Die 1973 geborene italienische Regisseurin Serena Sinigaglia, seit 2007 künstlerische Leiterin des Mailänder Ringhiera Theaters und in Salzburg, Venedig oder beim Rossini-Festival Pesaro geschätzt, sieht in Neros Rom: „Ein Weltreich, das in den Händen eines Verrückten dekadent wird und beginnt auseinander zu fallen ... Die aktuelle Krise des Kapitalismus scheint da mit Händen zu greifen.“

Im erzwungenen Tod des Mahners Seneca sieht sie die Schlüsselszene, zumal eine Orgie um seinen Leichnam herum gefeiert werde. „Ich bin 100 Prozent sicher, dass Monteverdi genauso wie wir weniger der Ökonomie als dem kulturellen und ethisch-moralischen Verfall die Schuld geben würde.“

Noch vor der uns heute so vertrauten Dur-Moll-Tonalität gewinnt Monteverdi seine Dramatik und die Charakterzeichnung „auf madrigalistische Weise ganz aus dem Wort heraus“, betont Alessandro Quarta. Der italienische Alte-Musik-Spezialist hatte in Kiel mit der Legrenzi-Ausgrabung Die Aufteilung der Welt begeistert. „Bei Monteverdi bilden zwar die Affekte der Musik wie Zorn oder Angst eine Bedeutungsebene, aber im Grunde verstärkt die musikalische Linie nur das Wort – und das im vielleicht besten Textbuch des 17. Jahrhunderts.“

Die Regisseurin: „Manchmal stehen die erstaunlich brutalen Worte auch in extremem Kontrast zu den wunderschön fragilen musikalischen Wendungen.“ Vergleichbar Gemälden der Barockzeit. Auch dort gibt es, wie hier in der Oper (mit Amore, Virtù oder Fortuna), mythologische Symbolfiguren. „Ihre Bedeutungen blitzen als Fragmente in den Protagonisten auf“, erklärt Sinigaglia. Seneca biete beispielsweise eine angegriffene Variante der Tugend. „Und Poppea sagt es selbst: ’Für mich streiten Fortuna und Amore!’ Das faszinierende des Amore ist für mich, dass er eine ganz heutige, eine zerstörerische, egoistische Liebe verkörpert – selbstsüchtig wie auf Instagram.“

Quarta hat vom Komponisten keine Partitur, sondern eher „ein Skelett“ an die Hand bekommen. Der Orchesterpart ist nur auf einem Notensystem ausnotiert. „Der Respekt, den man Monteverdi schuldet, ist der, sein Drama so lebendig wie möglich zu musizieren. Die Partitur ist nur als Grundlage für die Ausgestaltung anzusehen.“ Der Basso continuo, von Quarta üppig mit zwei Cembali, drei Theorben (langhalsige Basslauten), einer Barockgitarre, einem Cello und einem Kontrabass besetzt, leistet das Wesentliche. Mit Blick auf die Akustik hat der Dirigent den flankierenden Streicherchor (Bläser gab es auch in Venedig nicht ...) „ahistorisch“ opulent eingeplant.

Haben die künstlerischen Leiter der Produktion Lieblingsfiguren? „Alle sind so faszinierend individuell gezeichnet. Poppea ist großartig, aber sicher der unbeliebteste Mensch auf der Bühne. Ich würde mich wohl auch für die Verlierer Seneca und Ottavia entscheiden“, so Serena Sinigaglia. Und auch der Dirigent kämpft mit sich: „Ich bin doch wie ein Vater von allen ... vielleicht begeistern mich gerade die Nebenfiguren mit ihren musikalischen Perlen am meisten: die beiden Soldaten zu Beginn oder auch die Vertrauten von Seneca.“

Die Daten zur Kieler Produktion

Monteverdi-Premiere am Pfingstsonntag im Opernhaus Kiel (wegen der THW-Feier auf dem Rathausplatz) vorgezogen auf 14.30 Uhr. Karten: 0431 / 901 901. Internet: www.theater-kiel.de

Factbox 1

Inhalt und Entstehung von „L’incoronazione di Poppea“

Kaiser Nero hat sich in die schöne Poppea verliebt und setzt alles daran, sie zu seiner Kaiserin zu machen, obwohl er eigentlich mit Ottavia verheiratet ist. Die moralischen Vorhaltungen seines Ratgebers Seneca führen zu Neros Selbstmordbefehl Seneca gegenüber. Ottavia verlangt von Ottone die Ermordung Poppeas. Der Mordanschlag geht fehl und Nero bestraft beide mit Verbannung. Poppeas Weg zur Macht ist frei ...

Claudio Monteverdis Musiktheater „L’incoronazione di Poppea“ gilt als epochales Meisterwerk musikalischer und textlicher Menschendarstellung und gesellschaftlicher Satire. Das Libretto stammt vom venezianischen Juristen und Romancier Gian Francesco Busenello. Die Oper des Markusdom-Kapellmeisters wurde in der Karnevalssaison 1642/43 im intimen Rahmen des Teatro Santi Giovanni e Paolo von Venedig uraufgeführt.

Factbox 2

Premiere schon um 14.30 Uhr

„Erst krönen wir Poppea, dann den THW“, lässt das Theater Kiel verlauten. Weil eine Feier der Handball-Könige auf dem Rathausplatz unüberhörbar in das oft zart besaitete Musikwerk hineinregiert hätte, war guter Rat teuer. Eine Opernpremiere auf einen anderen Tag zu verlegen ist wegen des eng disponierten Spielplans, der Orchesterdienste und der Gastsolistenengagements ein Ding der Unmöglichkeit. Deshalb die ungewöhnliche Entscheidung, die Veranstaltung am Pfingstsonntag auf 14.30 Uhr vorzuverlegen.

Während man Abonnenten über die hinterlegten Adressdaten meist erreichen kann, war das im freien Verkauf schwieriger. Ungefähr 50 Kartenkäufer habe man nicht kontaktieren können, so Theater-Sprecher Jens Paulsen. Negative Reaktionen habe es gegeben, aber auch positive – etwa aus THW-Kreisen. Ansonsten seien auch Karten auf die Folgevorstellungen am 18. Juni oder 20. Juni getauscht worden.

Von Christian Strehk

Die norwegische Sopranistin Viğdis Bergitte Unsgård ist neu im Ensemble der Kieler Oper. Am Pfingstsonntag singt sie die Titelpartie in Claudio Monteverdis Musiktheater "Die Krönung der Poppea". Premiere ist vorgezogen um 14.30 Uhr, um nicht mit der Feier der THW-Handballer zu konkurrieren.

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