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Kultur Sophokles im Schleier
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09:00 17.11.2016
Von Sabine Tholund
Birute Mar (Litauen) schlüpft in die tragenden Rollen der Sophokles-Tragödie „Antigone“. Quelle: Erik Nielsen
Kiel

Sicher wären in der knapp einstündigen, begeistert aufgenommenen Aufführung erklärende Untertitel hilfreich gewesen. Dennoch wurde auch den vielen des Litauischen unkundigen Zuschauern angesichts der eindringlichen, von expressionistischen Videobildern effektvoll unterstützten Performance schnell deutlich, dass man es hier mit einer außerordentlichen Produktion zu tun hatte.

 In einem schlichten schwarzen Kleid, das sich durch einen hell-dunklen Schleier im Handumdrehen in ein anderes Kostüm verwandeln ließ, schlüpft Mar in die tragenden Rollen der Sophokles-Tragödie. Mit vor Entsetzen geweitetem Blick ist sie die Kämpferin Antigone, die gegen den Willen des Königs ihren Bruder begräbt. Den entrückten Sanftmut einer Nonne legt ihre verschleierte Ismene an den Tag, mit einer durch Hall verstärkten Stimme und den herrischen Gesten eines Despoten dirigiert sie als Kreon einen Chor, der als riesige Projektion im Hintergrund seine Gestalt verändert. Zunächst ein bewegtes Bild schwankender Schatten, die zu einem krakenartigen Ungetüm zusammenwachsen, bekommen die Schatten irgendwann Gesichter, die als weiße, grotesk grimassierende Masken vor schwarzem Hintergrund aufleuchten. Unheilvoll ist ihr Murmeln, das zu einem verzerrten Singsang anschwillt – ein dröhnender Misston aus unzähligen Mündern, der die Akteurin zu einem winzigen Schemen schrumpfen lässt.

 Vergleichsweise statisch präsentierte Donald O’Kelly wenig später in der Pumpe seinen Hairy Jaysus. Aus der Sicht eines Bettlers im Dublin der Gegenwart blickt er zurück auf den politischen Kampf von Frank Sheehy-Skeffington, der seinen Spitznamen seinem Freund James Joyce verdankte. Nach Inhaftierung, Hungerstreik und Freilassung fand der Sozialist, Pazifist und Feminist im April 1916 während des Osteraufstandes der irischen Republikaner den Tod im Kugelhagel einer britischen Militäreinheit. Eine Tischdecke als Umhang um die Schultern geworfen, bewegt O’Kelly sich um einen simplen Tisch herum, der ihm als Sitz, als Pult oder Schutzschild dient. Zwischen rhythmischen Reimen, schlichtem Erzähltext und dem breiten irischen Slang des Bettlers, im Dialog mit engen Vertrauten, Polizisten und ignoranten politischen Gegnern entwickelt er ein Wechselspiel aus Widerstand und Unterdrückung, aus Tragik und (schwarzem) Humor.

 Fast bewegender als seine Performance waren O’Kellys Worte im Anschluss, mit denen er seinen Auftritt einem Kurden in Irland widmete, der seine Auslieferung trotz Hungerstreiks nicht verhindern konnte. Gleichzeitig bedankte sich der preisgekrönte Autor und Schauspieler sichtbar beeindruckt bei Festival-Direktorin Jolanta Sutowicz: „Ich wusste nicht, was mich hier erwarten würde und bin stolz, Teil dieses großartigen Festivals sein zu dürfen.“

Thespis heute, Donnerstag: Yaser Khaseb, „Mysterious Gift“, 17 Uhr, Pumpe; Stephen Ochsner: „The Maxims of Peter Pockets“, 19 Uhr, Studio; Kurt Egelhof: „For Generations“, 21 Uhr, Pumpe. Karten: Tel. 0431 / 901901, www.thespis.de

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