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06:01 04.07.2019
An der Brücke, Hermann Wehrmann, Öl auf Leinwand, um 1934
An der Brücke, Hermann Wehrmann, Öl auf Leinwand, um 1934 Quelle: Stadtmuseum Kiel
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Kiel

Unterschwellige Spannungen steigern den Reiz. Da schwelgt man in den enorm leuchtkräftigen Strichen und Farbakzenten des Glücksstädter Künstlers Hermann Wehrmann "An der Brücke", kehrt mit ihm bei frischer Sommerbrise im Terassenlokal Bellevue ein, hat dabei deutliche Assoziationen an den großen deutschen Impressionisten Max Liebermann.

Impressionismus-Duftigkeit zur Nazi-Zeit

Und doch stutzt man angesichts der Datierungen einen Moment, ob die am Horizont auftauchenden Schiffe der Kriegsmarine, die Matrosen vor der allerersten Gorch Fock am "Strandweg" zur Kieler Woche nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und der zeitgleich einsetzenden Verfemung des Juden Liebermann heute noch unbeschwert betrachtet werden können. Unbedingt, würde man angesichts der hohen malerischen Qualität so gerne sagen ...

70 Gemälde aus knapp 1000

Museumdirektorin Doris Tillmann und die Kunsthistorikerin Katrin Seiler-Kroll, Hauptkuratorin der aktuellen Ausstellung im Warleberger Hof und Betreuerin der Fördegalerie-Sammlung, haben solche kleinen Widerhaken bei der Auswahl von 70 Gemälden aus dem Depot-Bestand von knapp 1000 besonders interessiert. Ihre sehenswerte Schau Sommer an der Förde bleibt keineswegs völlig in unbeschwertem Strandleben stecken.

Scharfe Gegensätze bei der Betrachtung der Spiellinie

Gerne zeigt man jüngere Arbeiten der neoimpressionistischen Gruppe der Norddeutschen Realisten, konfrontiert aber dabei den Sohn Tobias Duwe bewusst mit der knapp drei Jahrzehnte älteren, ätzenden Zivilisationskritik seines Vaters Harald Duwe. Beide nehmen die "Spiellinie" zur Kieler Woche in den Blick. Letzterer die allererste von 1974: „Teilnahmslose Erwachsene, überreizte Kinder, alle für sich in einem vermeintlichen Wohlstand, ganz unangenehm nah“, sieht Seiler-Kroll darin.

Friedensbewegung und Marine

Und wenn vereinzelt Marine-Maler die Schiffsparaden in allerbestes Sommerabendlicht tauchen, darf Duwes haifischartig aggressiv aufragendes "Kriegsdenkmal U-Boot in Laboe" von 1984 natürlich als Gegenpart nicht fehlen. Auch in Antje Marzinowskis technisch besonders raffiniert filigran schillerndem Ölgemälde "Laboe" von 1982 fehlt der antimilitaristische Unterton bei näherer Betrachtung nicht: „Vom Ehrenmal herab wird mit einem Pfeil auf die Regatta-Felder vor Schilksee gezeigt, wo Marine die Start- und Zielschiffe stellt und Eingriffe in die Landschaft nicht kaschiert sind“, so die Kuratorin.

Sommer an der Förde und in der Stadt

Die Ausstellung im Erdgeschoss des Stadtmuseums ist thematisch strukturiert und umfasst kunstgeschichtlich einen Zeitraum von etwa 1820 bis ins frühe 21. Jahrhundert. Sie hat zunächst die sommerliche Innenstadt im sich verändernden Fokus der Künstler. „Was ist bildwürdig? Heinrich Christian August Buntzen blickte 1827 in "Aussicht vom Düsternbrooker Gehölz" noch in klassischer Staffelung von Vorder-, Mittel- und Hintergrund auf Stadt und Natur als harmonischem Ganzen“, so Katrin Seiler-Kroll, „die Lichtführung hebt die Seebadeanstalt hervor, alles wirkt realistisch, ist aber idealisiert.“

Urbanisierung und Industrialisierung

Auch später noch werden Urbanisierung und Industrialisierung entweder ausgespart oder zum zentralen Thema – etwa wenn Friedrich Missfeldt 1929 den "Bahnhofsvorplatz" mit scharfem sommerlichen Morgen-Schlagschatten vor der St. Jürgen Kirche als belebten Raum vorführt oder Gretel Riemann die neue Architektur am Berliner Platz 2004 fast fotorealistisch dokumentiert. „Schon heute, kaum 15 Jahre später, ist das historisch“, so Seiler-Kroll.

Strandszenen, Fischerdörfer, ländliches Umland

Es gibt Etliches (wieder)zuentdecken wenn man über die Innenförde zu Strandszenen, Fischerdörfern bis ins ländliche Umland von der Probstei bis Westensee weiterschweift. Darunter einige Perlen wie Rudolf Behrends in Schlieren aufgelösten "Steilküste an der Kieler Förde" von 1928, Mißfeldts gesichtslose und doch so sprechend spielerisch getroffene "Kinder in Klein-Waabs" von 1914 oder Georg Burmesters farbexplosive Ölstudie "Im Nebel" (1919), auf der die Segelschiffe um die kieltypischen knallroten Tonnen und die Spiegelungen der durchbrechende Sommersonne auf der Förde kreuzen.

Die Daten zur Ausstellung

Stadtmuseum Kiel, Dänische Straße 19. Bis 20. Oktober. Di-So 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr. Eintritt frei.

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Von Christian Strehk

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