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Kultur Leben und Lieder des Klaus Hoffmann
Nachrichten Kultur Leben und Lieder des Klaus Hoffmann
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18:51 10.07.2019
Von Thomas Bunjes
Lockere Performance wie im Freundeskreis: Liedermacher und Schauspieler Klaus Hoffmann im Kieler Metro-Kino.
Lockere Performance wie im Freundeskreis: Liedermacher und Schauspieler Klaus Hoffmann im Kieler Metro-Kino. Quelle: Björn Schaller
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Kiel

 „Was ihr hier macht“, lobt er die Initiative, „finde ich ganz toll.“ Toll ist auch das, was Hoffmann so alles erlebt und in seine Autobiografie "Als wenn es gar nichts wär" gegossen hat. Erstaunlich detailreich wiederbelebt der 68-Jährige seine Vita, selbst die Nachkriegskinderjahre in Berlin-Charlottenburg.

Das Einschneidendste in seinem Leben, erzählt Hoffmann, sei der frühe Tod seines Vaters gewesen – eine „Idealfigur“. Alle Künstler hätten in ihrem Leben so eine Macke, da fehle was: „Das nennt man Kunst.“

Hoffmann schöpft aus seinem zerlesenen Exemplar („ich ernähre mich davon“) mit der wohlmodulierenden Stimme des gelernten Schauspielers, mal erzählt er frei und zwischendurch singt er zur Akustikgitarre thematisch passend eines seiner Lieder und manchmal singen sie mit im ausverkauften Saal.

Erinnerungen an die 50er Jahre

"Berliner Sonntag" passt für ihn zur den 50ern, die Leute hatten nichts und dennoch sei „eine große Sehnsucht in der Straße“ gewesen. „Alle träumten.“ Sein Vater, der sich des Tags über Akten im Finanzamt beugt und nachts Geige spielt, die Mutter, die in einer Retuschenfabrik arbeitet.

Hoffmann stimmt das sehnsüchtige "Wenn" an, malt Gelage bei Oma im Garten im Osten vors innere Auge, ruft bei älteren Zuhörern Erinnerungen wach mit alkoholischen Spezialitäten: Eierlikör, Schwarzer Kater, Lufthansa-Cocktail. Im Kino weint sein Vater bei einem Film mit Caterina Valente, ein Mann, dem seit Stalingrad an einer Hand drei Finger fehlten, Diabetiker mit Herzfehler. Als er 1961 stirbt, ist Klaus im Kinderhort – „im Jahr des Mauerbaus, ein verteufeltes Jahr“. Als der Tod absehbar ist, schließt der Junge in der Luisenkirche unterm heiligen Sankt Martin einen Vertrag: „Lieber Gott, lass was aus mir werden.“

Tagsüber Lehrling, abends Sänger

Erst wird aus ihm ein Lehrling zum Außenhandelskaufmann in einem Eisenhandel. „Ich sah fantastisch aus“, pflegt Hoffmann selbstironisch einen Running Gag, „und ich konnte gut verkaufen, obwohl ich so scheu war – scheu und gutaussehend.“

Bald kauft er sich seine erste Gitarre, eine gebrauchte Framus, sauschwer. Aufm Klo in der Zehlendorfer Wohnung von Mutters Neuem, Busfahrer Helmut, entstehen erste Lieder und in den Berliner Clubs versucht er, „eine Stimme zu finden“. Dort, wo Hannes Wader sang oder Reinhard Mey, bald ein enger Freund, von dem Hoffmann "Ich wollte wie Orpheus singen" interpretiert („das erste Lied, dass ich von ihm hörte“) und gleich noch das eigene, schmissige "Wenn ich’s hier schaff’, schaff’ ich’s überall". Kommunisten, Sozialisten, Syphilisten im Publikum – „und alle trugen Bärte, auch die Frauen“.

Kostprobe Hoffmannschen Humors, der das Publikum immer wieder laut lachen lässt. Er gewinnt Gesangswettbewerbe, die Karriere kommt ins Rollen, „eine Gitarre machte alles möglich“.

Sehnsuchtsort und Schauspielerei

Das Licht ist noch an nach der Pause und einige Plätze sind noch leer, da sitzt Hoffmann schon wieder auf der Bühne. Während sich die Gäste eilig und verlegen sortieren, singt er "Estaminet", denn nun ist der abenteuerliche Trip nach Goa dran, dem Sehnsuchtsort, und Hoffmann improvisiert „Junge, mach die Türen zu, die Letzten kommen noch vom Pissoir ... na schön, jetzt seid ihr alle da, tatütata.“

Sehr persönlich schildert er die Tour 1969 im VW Käfer, singt "Wie ein Stein", erzählt vom Ende der Reise im afghanischen Bamiyan mit den riesigen Buddha-Statuen, 2001 von den Taliban zerstört. Springt beherzt über die Berufsstationen Briefträger („toller Job, kann ich nur jedem empfehlen“) und Arzneimittelfahrer zur Schauspielerei, erzählt vom Theaterspiel mit dem erfahrenen Dieter Borsche und den Dreharbeiten zu Ulrich Plenzdorfs "Die neuen Leiden des jungen W." mit Hoffmann in der Hauptrolle des Edgar Wibeau.

Zugaben nach stehenden Ovationen

Stehende Ovationen zollen sie ihm am Ende für eine lockere Performance wie im Freundeskreis, und Hoffmann lässt sich nicht lumpen, liefert eine hübsche Party-Anekdote und zwei Lieder nach.