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Kultur Frischer Wind beim SHMF
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00:16 10.10.2013
Von Konrad Bockemühl
Der neue Intendant des Schleswig-Holstein Musik Festivals (SHMF) Christian Kuhnt will das renommierte Festival mit frischen Ideen in die Zukunft führen. Quelle: dpa
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Lübeck

Die Säulen werden gefestigt und neu verziert, neue Aspekte sollen das Festival-Familiengefühl stärken, ungewohnte Orte und genre-übergreifende Ideen kommen vermehrt ins Spiel. Ein Gespräch mit dem Blick nach vorn.

Es sprudelt nur so – der neue Mann an der Spitze des SHMF hat noch in seinem vorherigen Amt als Geschäftsführer der Hamburger Konzertdirektion Dr. Rudolf Goette die Eckpunkte seine ersten SHMF-Spielzeit gesetzt, vielfältige Künstler-Kontakte wie Festivalerfahrungen aus den Jahren 1999 bis 2007 genutzt, unzählige Gespräche geführt. Schließlich hat der 46-jährige Musikwissenschaftler vier Wochen lang in Kanada („zum letzten Mal im Sommer“) noch einmal kräftig Luft geholt, bevor er als Nachfolger von Rolf Beck am 1. Oktober Ministerpräsident Torsten Albig seinen Antrittsbesuch abstattete. Mit nach Hause nahm er ein „klares Bekenntnis zum SHMF“ und damit auch zum Landeszuschuss von derzeit 1,228 Millionen Euro jährlich.

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Unabhängig davon müssen „wir künftig viel mehr Phantasie aufbringen, um Geld zu bekommen“, gibt sich Kuhnt keinen Illusionen hin, denkt an verstärktes Fundraising, Buhlen auch um kleinere Sponsoren. So hat er etwa Patenschaften, Stipendien, für die Musiker der Orchesterakademie im Sinn – das sind jeweils an die 5000 Euro Kosten. Optimistisch gibt sich der Intendant mit Blick auf die Hauptsponsoren. Zwar müssten die Verträge für 2014 alle noch bis Dezember erneuert werden, er sehe derzeit jedoch keine Probleme, zählt weiterhin auf Leistungen im Umfang dieses Jahres von der Sparkassen-Finanzgruppe, Audi, Nordwestlotto und E.ON Hanse.

Auch mit Blick auf die Spielstätten will Kuhnt rechnen. Beispiel Altenhof: Wenn denn ein Kuhstall schon zum Konzertsaal hergerichtet wird und auch gut angenommen wird, sollte man dort statt drei doch ruhig sechs Konzerte anbieten. Ähnliches gilt für Wotersen oder Molfsee. In diesem Sinne wird die Zahl der Konzerte 2014 deutlich höher liegen. Um die 140 könnten es in acht Wochen sein (nach 118 in diesen sieben Wochen 2013). Kuhnt setzt, auch zu Lasten Hamburgs, auf die Fläche, wo es noch viel zu entdecken gebe. In Kiel möchte er die Krusenkoppel bespielen, sieht auch den 2013 eingeführten Schuppen 2 im Ostuferhafen als „guten Ort, um die Stadt zu inszenieren“. Jenseits des baulichen Zustandes bewertet Kuhnt das Schloss als herausragenden Konzertsaal. Orte wie Heide (Tivoli), Flensburg (über das Deutsche Haus hinaus), Eutins Freilichtbühne und Hasselburgs sanierte Reetscheune sind für ihn wieder (neu) im Spiel. Die Musikfeste auf dem Lande sollen „als Teil unseres Familienprogramms“ an bewährten Gütern neu aufblühen.

Die Kombination aus Konzerten und pädagogischer Arbeit bleibt für Kuhnt eine tragende Säule des SHMF: Die Meisterkurse könnten neue Projekte beitragen für ein „Festival, das um Originalität bemüht sein muss“. Die Orchesterakademie habe in Büdelsdorf einen geradezu perfekten Standort. Sie soll als „unser Orchester“ noch stärker in den Fokus rücken und neben Christoph Eschenbach als fester Größe wieder mehr große Pult-Persönlichkeiten anziehen. Über die enge Verbundenheit mit dem NDR und seinen Klangkörpern hat der neue Intendant für die Chorakademie eine große Aufführung in der Sparkassen-Arena Kiel im Blick: Thomas Hengelbrock wird Mendelssohns Elias dirigieren, mit Laiensängern, die nach einem Probesingen im Frühjahr ganz im Mendelssohnschen Sinne das Konzert prägen sollen, historisch korrekt, wie 1846 bei der Uraufführung in Birmingham, und zugleich erfrischend modern.

Apropos Mendelssohn: Sein großer Name sei gar zu oft auf nur wenige Werke reduziert. Das SHMF will das 2014 „spielerisch ändern“, kündigt Kuhnt an und verweist zugleich auf die Talente des gebürtigen Hamburgers als genialer Programmmacher und Festivalleiter. So habe man „lustvoll den Mendelssohn-Ball in die Reihen der Künstler geworfen“ und reiches Feedback bekommen. Mehr als die Hälfte aller Konzerte der 29. Festivalsaison soll auch entferntere Bezüge zum Komponisten-Schwerpunkt herstellen. In seiner Alternative zum Länderfokus will Kuhnt verstärkt „mit den Genres spielen“, mehr Nicht-Klassisches an ungewöhnlichen Orten beisteuern – Hauptsache gute Musik, gern auch mal ein wenig schräg. Ein Interpretenporträt als neuer roter Faden soll da weitere Akzente setzen: „Das Künstler“, nicht einmal das Geschlecht wird verraten, soll 2014 mindestens 18 Konzerte prägen – Vielseitigkeit als Programm.

All das braucht ein starkes Rückgrat: Kuhnt ist sich der Bedeutung der ehrenamtlichen Mitarbeiter bewusst. Über sie ließe sich noch mehr Nähe zwischen Festival und Publikum schaffen. Die Beiräte sorgten seit 1986 für eine einmalige Atmosphäre, die von den Künstlern hoch geschätzt werde – ein Schatz, denn es zu hüten gelte. Der Festivalverein als breite Basis soll in vier Jahren von gut 3000 auf 6000 Mitglieder wachsen, als großes Bekenntnis, ja „Lebenshaltung“: „Da muss der Intendant mehr in die Bütt“.