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Kultur Zum Auftakt einen kühnen Bruckner
Nachrichten Kultur Zum Auftakt einen kühnen Bruckner
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12:47 07.07.2013
Von Christian Strehk
Die französische Star-Pianistin Hèlene Grimaud gibt sich in Schumanns Klavierkonzert feenhaft. Quelle: Nickolaus
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Lübeck

Wer gegen den letzten Willen eines Komponisten handelt, muss gute Argumente vorweisen. Für den Anton-Bruckner-Exegeten Günter Wand, in dessen Fußstapfen Thomas Hengelbrock gerade bei SHMF-Eröffnungskonzerten unweigerlich steht, wäre es undenkbar gewesen, die Erstfassung der Vierten Symphonie in Es-Dur zu dirigieren. Doch der amtierende Chefdirigent macht mit dem NDR Sinfonieorchester Hamburg so vieles völlig anders, dass ein Vergleich fast absurd anmutet. Schon die Aufstellung folgt dem Wiener Modell (mit den im Rücken des Kollektivs aufgereihten Kontrabässen). Und die sportlich schlanken Streicher sparen auffällig mit Vibrato, um dann zentrale Themen umso wonniger mittels Schwebungen aufblühen zu lassen. Offenbar macht Roger Norringtons vieldiskutierter „Stuttgart-Sound“ jetzt auch an der Elbe Schule.

Der Einstieg ins 28. Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) verdient sich das Prädikat „außergewöhnlich“. Denn Chefdirigent Thomas Hengelbrock und das NDR Sinfonieorchester schärfen mit der Erstfassung der Romantischen Symphonie die Sinne für Anton Bruckners innovative Kräfte. Am Sonntagabend eröffnet Kulturministerin Anke Spoorendonk (SSW) in Lübeck das Festival offiziell.

Das Ergebnis ist jedenfalls schon im Vorkonzert am Sonnabend restlos überzeugend. Die von Ab- und Umbrüchen zerklüftete Frühfassung von 1874 wirkt so viel kühner, moderner, innovativer als die – zugegeben – stringentere und auch prachtvollere Endversion von 1880. Man staunt über manche Generalpause, die violinistischen Kapriolen im langsamen Satz (die der Komponist später selber „unspielbar“ fand), die verschrobene Scherzo-Alternative (die dann von Bruckner komplett gegen das berühmte Jagd-Tongemälde ausgetauscht wurde) und den irrlichternden Einstieg ins Finale. Und man darf gerne über die risikofreudigen NDR-Musiker jubeln, deren transparente Bruckner-Klänge leuchten und wirbeln, flüstern und triumphieren – von starken Soli (Horn!) ganz zu schweigen.

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Auch die französische Star-Pianistin Helène Grimaud bringt das gewisse Etwas mit, das ein Festivalabend braucht, um sich vom „gemeinen“ Saisonkonzert abzuheben. Ein bisschen Sphinx und ganz viel Fee lässt die 1969 in Aix-en-Provence geborene Schöne in Robert Schumanns Klavierkonzert keinen Moment an ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten zweifeln. Da blüht und rauscht es bisweilen zauberhaft. Vor allem ist das in lyrischen Momenten der Fall, auf die auch Hengelbrocks durchweg hellhöriges Orchester mitfühlend zart reagiert.

Grimaud uneingeschränkt zu feiern, fällt (zumindest im Sonnabend-Konzert) dann aber doch schwer. Mit viel Pedaleinsatz nivelliert sie Kontraste und spielt über viele von Schumann minutiös bedachte agogische Feinheiten in einem hübschen Dauerlegato hinweg. Auch wirkt ihr Forte nicht kraftvoll kernig genug, um ganz großes Klavierglück im weiten Saal auszulösen. Wer sich dann noch von dem penetrant direkt vor ihr hin- und her sausenden TV-Kamera-Roboter stören lässt, fliegt leicht raus aus dem inneren Schumann-Zirkel.

Zugaben sind bei Grimaud eigentlich die Ausnahme. Am Sonnabend aber zelebriert sie Rumänische Volkstänze von Béla Bartók – ausgesprochen reich an Farben und rhythmischen Nuancierungen. So wird also doch noch auch ein kleines Tasten-Fest aus dem Abend.

Am Sonntag um 20 Uhr eröffnet Kulturministerin Anke Spoorendonk das SHMF offiziell in der Lübecker Musikhalle. 3Sat überträgt das Konzert ab 20.15 Uhr live im Fernsehen.

Bis zum 25. August sind Konzerte in 44 Orten Schleswig-Holsteins, Hamburgs und in Teilen Niedersachsens vorgesehen. Schwerpunkt beim SHMF ist in diesem Jahr die Musik der baltischen Länder.