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Kultur "Toc" überzeugt mit Qualität
Nachrichten Kultur "Toc" überzeugt mit Qualität
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15:44 08.02.2015
Von Hannes Hansen
Raisdorf

Allerlei Volk hat sich auf der dunklen Bühne versammelt. Zwei in schwarze Kapuzenumhänge gekleidete Gestalten huschen an die Rampe. Die „Venticelli“, die Zuträger und Ohrenbläser des Wiener  Hofkapellmeisters Antonio Salieri, wispern, zischeln und tuscheln die Neuigkeit in die Welt hinaus, ihr Herr liege im Sterbenund bezichtige sich, seinen Konkurrenten Mozart getötet zu haben. Im nächsten Bild fällt das Licht auf die Nebenbühne, das Wohnzimmer Salieris. Mühsam erhebt sich der dreiundsiebzigjährige Greis, beginnt stockend zu sprechen und beschwört die Geister der Zukunft, denen er seine Schandtaten beichtet.

Peter Shaffers „Amadeus“ erzählt das Geschehen ganz aus der Sicht Salieris. Der mit sechzehn Jahren nach Wien gekommene Italiener, hat einen Pakt mit Gott geschlossen. Dafür, dass der Herr ihn zum Ruhm verhilft und zu einem großen Komponisten werden lässt, wolle er in Keuschheit und Demut leben und ihn in allen seinen Werken ehren und preisen. Doch als im Jahre 1781 das einzige Wunderkind Mozart in Wien eintrifft, muss Salieri in ihm den Größeren, das musikalische Genie erkennen. Aus Rache an Gott schwört er, Mozart zu vernichten. So wird in Dieter Storms Inszenierung des Erfolgsstücks für „Toc“, die Theatergruppe der Kirchengemeinde Raisdorf, bei allen komödiantischen Einlagen, bei aller lustvollen Verzeichnung der Manierismen am Wiener Hof und den Albernheiten Mozarts, aus dem Stück eine Tragödie, die Tragödie eines von Ehrgeiz zerfressenen Mannes von Mittelmaß.

Mit Torben Sachert hat die Inszenierung, die am Freitag im Haus der Kirche Premiere hatte, die ideale Besetzung für den Konkurrenten Mozarts gefunden. Mit großer Geschmeidigkeit verwandelt er sich von einem hinfälligen Greis in einen eleganten Herren von Welt, dem alle Mittel der Täuschung für seine Ranküne zur Verfügung stehen. Und tatsächlich gelingt es ihm, unter der Maske der Fürsorglichkeit Mozart, dessen Einzigartigkeit nur er erkennt, zu verleumden und in die Armut zu treiben. Verzweiflung und Wut verzerren sein Gesicht, das gleich darauf in der Maske der Gleichgültigkeit erstarrt, nur um einen Augenblick später in scheinbar warmer Freundschaft in falschem Licht zu strahlen. Minimalistische Gestik und Mimik in raschem Wechsel mit expressiver Körperlichkeit zeichnen ein eindrückliches Porträt der zerrissenen Persönlichkeit Salieris.

Zunächst scheint ihm Olaf Freudenthals Mozart kein gleichwertiger Gegenpart zu sein. Das große Kind kaspert herum, benutzt Fäkalsprache und macht sich zum Narren. Ein überdrehter Clown, der sich seiner Genialität nur halb bewusst ist. Doch am Ende verlässt ihn alle groteske Komik, wird er zur tragischen Figur, ein armes Schwein, den Salieri im Verein mit einer unverständigen Umwelt zur Sau gemacht hat. Von aller Welt verlassen und körperlich wie seelisch nackt und von Verzweiflung gebeutelt haucht er sein Leben in einer eindrücklichen Szene aus.

Überzeugend auch Stefanie Sorge als liebende Ehefrau Mozarts und Oliver Otts dümmlich affektierter Kaiser Joseph II. Die meisten anderen Personen sind nicht viel mehr als mit knappen Strichen sehr effektvoll gezeichnete, typisierte Staffagefiguren. Hofschranzen, Diener, Beamte.

Die zweijährige Probenzeit, die sich „Toc“ traditionell gönnt, zahlt sich wieder einmal aus. Selten sieht man auf einer Laienbühne solche Qualität. Das gilt auch für Gustav Watzkas und Dieter Storms bewegliches Bühnenbild mit den hübschen Rokokoversatzstücken.