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Kultur Düsteres Rätsel um drei Frauen
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11:34 06.05.2019
Aufbruch ins Ungewisse: Szena aus Barbers „Vanessa“ mit Eva Maria Summerer (Erika), Tobias Hächler (Anatol), Iris Kupke (Vanessa), Kai-Moritz von Blanckenburg (Doktor) und Eva Schneidereit (Baronin). Quelle: Henrik Matzen/Landestheater
Flensburg

Wenn sich Frauen zweier Familiengenerationen aus dem Ödipus vorlesen und eine dritte verstockt im Rollstuhl heranfährt und dabei mit ihren Gedanken im Trauerweidenbaum hängen bleibt, schrillen im Orchester zu Recht die Alarmglocken. Samuel Barber, mit seinem Adagio for Strings kitschnah berühmt und verkannt, hat mit Vanessa eine aufgewühlt neo-veristische Oper mit viel Potenzial geschrieben.

"Vanessa" als böse stichelndes Kammerspiel

Ihre begeistert gefeierte Wiederentdeckung am Landestheater Schleswig-Holstein weist ihre Fähigkeit nach, mit filmmusikalischer Reaktionsgeschwindigkeit in den schrundigen Seelenabgründen der Figuren zu lesen. Die kleine Besetzung der fast überall gut präparierten SH-Sinfoniker und das feinnervige Dirigat vom neuen Ersten Kapellmeister und GMD-Stellvertreter Ingo Martin Stadtmüller bewahren die Partitur vor falscher Opulenz. Als böse stichelndes Kammerspiel funktioniert Barbers erweitert tonale Collage aus Puccini, Broadway und klassischer Moderne am besten.

Bestens besetzte Hauptpartien

Wer ist der smarte, vermeintliche Glücksbringer Anatol wirklich, dem der Tenor Tobias Hächler nicht immer ohne Anstrengung, aber doch mit Raffinesse Stimme und Dandy-Statur verleiht? Schließt er einen inzestuösen Kreis, den das fluchbeladene Schweigen der Frauen begünstigt hat? Warum lässt auch Erika von ihrer aufflammenden Liebe zu diesem Mann ab, den sie haben könnte und von dem sie sogar ein Kind erwartet? Eva Maria Summerer ist jedenfalls mit dem funkelnden Metall ihres Mezzosoprans eine ideale Besetzung für die Zweiflerin. So wie Iris Kupke mit brennendem Sopran die falschen Hoffnungen der Titelfigur wunderbar emphatisch in die Höhe schraubt. Oder Eva Schneidereit die alte Baronesse eindrucksvoll klagen und ätzen lässt.

Klar strukturierter Regie-Holzschnitt

Flensburgs Operndirektor Markus Hertel hält Fragen in seiner etwas holzschnittartigen, aber dadurch klar strukturierten Inszenierung demonstrativ offen. In dem nordisch graublauen Stahlbunker, den Ausstatter Stephan Testi gebaut hat, verschanzen sich die Charaktere. Oder sie taumeln gaukelnd wie der stimmstarke und köstlich zynische „Old Doctor“ Kai-Moritz von Blanckenburg durch die vergitterte und verschneite Szenerie. Wahrscheinlich ahnt er, dass sich Sophokles’ ödipale Mythologie fast harmlos ausnimmt gegen das, was sich hier im „hohen Norden“ im fatalen Dreieck der einsamen Frauen wirklich abspielt.  

Die Aufführungsdaten

Theater Flensburg am 8., 14., 17. und 24. Mai sowie am 6. und 16. Juni. Karten: 0461 / 233 88. www.sh-landestheater.de

Spannungsgeladenes Beziehungsgeflecht

Nach einem Jahrzehnt war Samuel Barbers „Vanessa“ 1958 wieder die erste Oper eines amerikanischen Komponisten, die an der Met in New York uraufgeführt wurde – mit großem Erfolg. Das Psychodrama von Barbers Lebensgefährten Gian Carlo Menotti hat seine literarischen Wurzeln in Tania Blixens „Seven gothic tales“ von 1934. Es erzählt in nordischer Tradition eines Strindberg von der seit 20 Jahren auf die Rückkehr ihrer großen Liebe hoffenden Vanessa. Abgeschottet von der Welt lebt sie mit ihrer verbittert schweigenden und kranken Mutter sowie einer jungen Nichte auf einem abgelegenen Anwesen. Als sich der besagte Anatol tatsächlich ankündigt, sich aber als leichtherziger Sohn des einstigen Geliebten entpuppt und ein flüchtiges Verhältnis mit der Nichte Erika und ein scheinbar beständiges mit der viel älteren Vanessa anfängt, gerät das Beziehungsgeflecht der Frauen im Haus schwer in Spannung...

Von Christian Strehk

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