Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kultur Von der Macht der Sprache
Nachrichten Kultur Von der Macht der Sprache
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:32 26.05.2019
Von Sabine Tholund
Charles Lewinsky präsentierte sein Buch „Der Stotterer“ in Kiel. Quelle: Maurice Haas/Diogenes Verlag
Anzeige
Kiel

Der 73-Jährige kann auf eine ungewöhnliche Künstlerbiographie zurückblicken, wie Gastgeber Peter Unruh, Präsident des Landeskirchenamtes, feststellte. Immerhin arbeitete Charles Lewinsky als Unterhaltungschef beim Schweizer Fernsehen, als TV-Drehbuchautor, Dramaturg und Regisseur.

Grand Prix der Volksmusik gewonnen

Und er textete  gut 700 Volksmusiktitel – einer davon gewann 1987 den Grand Prix der Volksmusik. „Wenn ich höre, was ich schon alles angestellt habe, komme ich mir furchtbar alt vor“, so der Autor mit jüdischen Wurzeln.

Anzeige

„Aber nehmen Sie das mit den Liedern mal nicht so ernst.“ Interessanter dürften ohnehin seine Romane sein, darunter die Familiensaga „Melnitz“ (2006) über die Geschichte der Juden in der Schweiz zwischen 1871 und 1945, und „Gerron“(2011), der ihm die Nominierung für den Schweizer und den Deutschen Buchpreis einbrachte.

Die Macht der Sprache

„Der Stotterer“ ist ein Buch über die Macht der Sprache. Der Titelheld hat durch sein Handicap darunter zu leiden - um so geschickter weiß er das geschriebene Wort zu führen. 

Wegen mehrerer Betrugsdelikte zu einer Haftstrafe verurteilt, hat Johannes Hosea Stärckle einen Deal mit dem Seelsorger der Anstalt gemacht: Wenn er seine Geschichte aufschreibt, bekommt er einen attraktiveren Arbeitsplatz. 

„Der Mann, den wir hier kennenlernen, ist kein wirklich liebenswerter Charakter“, so der Autor. Und er ist ein unzuverlässiger Erzähler, der die Dinge so schreibt, dass sie beim Adressaten „gut ankommen“.

Was an Stärckles Geschichten also wahr ist und was erfunden, bleibt dem Leser verborgen. Wuchs er wirklich  in einer fundamentalistisch-religiösen Sekte auf, in der man ihm das Stottern aus dem Leib prügeln wollte? Brach er tatsächlich auf den Rat der älteren Schwester aus dem Gefängnis seiner Familie aus, um sein eigenes Leben zu leben? Die Schwester, so schreibt er, sei mit 26 Jahren unter die Räder einer Straßenbahn geraten. War es ein Unfall oder Selbstmord?

Leser zum Nachdenken bringen

Von ihrem Tod spricht Stärckle am Anfang und gegen Ende seiner Aufzeichnungen und jedes mal klingt die Geschichte ein bisschen anders. „Ich wage als Autor nicht zu entscheiden, welcher Tonfall ernster zu nehmen ist“, sagt Lewinsky, der in diesem Roman das Schreiben selbst zum Thema macht. Als Schriftsteller wolle er „keine Botschaften versenden, sondern Geschichten erzählen.“

Und zwar so, dass sie den Leser zum Nachdenken bringen. „Spannend und lesenswert finde ich sie dann, wenn man nicht aufhören kann, darüber nachzudenken“, sagt er und fügt beinahe genüsslich hinzu: „Was der Leser jedoch denkt, kann man nicht steuern.“