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Kultur Literatur-Nobelpreisträgerin Toni Morrison gestorben
Nachrichten Kultur Literatur-Nobelpreisträgerin Toni Morrison gestorben
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19:15 06.08.2019
Nobelpreisträgerin Toni Morrison. Quelle: Guillermo Arias/AP/dpa
New York

Toni Morrison fand, Sprache können nicht nur Gewalt sähen, sie könne auch Gewalt sein. „Sexistische Sprache, rassistische Sprache, theistische Sprache – alle sind typische Sprachen der Herrschaft und erlauben kein neues Wissen und keinen Austausch von Ideen“, sagte sie, als sie 1993 als erste Afroamerikanerin den Nobelpreis für Literatur entgegennahm. Am Montagabend, als Amerika darüber diskutierte, ob der Präsident mit seiner Sprache dazu beigetragen hat, sinnlose Gewalt im Land zu sähen, ist Toni Morrison im Alter von 88 Jahren gestorben.

Mit Morrison fehlt im politischen und literarischen Diskurs der USA eine kluge, schneidende, oft auch zynische und drastische Stimme. Auf den Sieg Donald Trumps bei der Präsidentschaftswahl 2016 schrieb sie im „New Yorker“, seine Wahl sei eine Reaktion der Weißen auf den Verlust von Privilegien. Bis zuletzt prägte Verbitterung ihre Sicht auf die Rassenfrage in den USA. „Ich will sehen, wie ein schwarzer Polizist einen unbewaffneten weißen Teenager in den Rücken schießt. Und ich will sehen, wie ein weißer Mann verurteilt wird, der eine schwarze Frau vergewaltigt hat. Und wenn man mich dann fragt: ,Ist es vorbei?’, dann sage ich: ,Ja’.“

Barack Obama: Sie war ein „nationaler Schatz“

Dabei hatte sie sich bei der Amtseinführung Barack Obamas 2009 „erstmals wie eine Amerikanerin gefühlt“, wie sie später sagte, „sehr patriotisch“ und „wie ein Kind“. Obama bezeichnete Morrison gestern auf Twitter als „nationalen Schatz“. Ihre Texte seien eine „wunderbare, bedeutsame Herausforderung für unser Gewissen und unsere moralische Fantasie“ gewesen. Umso schlimmer, das schrieb Obama nicht, ist der moralische Zustand ihres Landes bei ihrem Tod.

Geboren wurde Toni Morrison 1931 in der Kleinstadt Lorain im US-Bundesstaat Ohio als Chloe Wofford. Über das Thema Rasse hatten schon viele geschrieben, als 1970 ihr erster Roman „Sehr blaue Augen“ („The Bluest Eye“) erschien, und doch erfand sie das Genre neu. Zum einen dadurch, dass sie auf ihre Art zunächst einmal den Beruf der schwarzen Schriftstellerin erschuf, denn eine wie sie hatte es zuvor nicht gegeben. Zum anderen gelang ihr in ihrem berühmtesten Werk „Menschenkind“ („Beloved“) ein künstlerischer Spagat, der ebenfalls neu war: Sie kombinierte in ihrem Sklavereiroman die Direktheit und Unmittelbarkeit der traditionellen Slave Narrative, der biografischen Werke früherer Sklaven, mit literarischer Finesse, Stilwechseln und Doppelbödigkeiten. Andere hatten Sklaverei schon eindringlich, hart und krass geschildert – aber dabei nicht so fein und klug wie sie.

Sprache als Maß des Lebens

„Beloved“ ist kunstvoll und kompliziert und erreichte doch – oder gerade deswegen - ein breites Publikum. 1987 bekam Morrison für das Buch den Pulitzer Preis, die Hauptrolle in der Verfilmung spielte Oprah Winfrey. Sechs Jahre später schrieb die Schwedische Akademie in ihrer Nobelpreis-Würdigung, ihre Romane zeichneten sich durch „visionäre Kraft und poetischen Import aus“, der „einen wesentlichen Aspekt der amerikanischen Realität zum Leben erweckt“.

Neben ihrer Karriere als Schriftstellerin lehrte Morrison jahrelang an der Eliteuniversität Princeton kreatives Schreiben, bis 2006. Im Jahr 2010 starb einer ihrer beiden Söhne an Krebs, ein Schicksalsschlag, mit dem Morrison lange kämpfte. „So etwas kann man nicht hinter sich bringen. Nicht mit einem Kind. Ein Kind soll einen begraben.“

„Wir sterben“, sagte sie in ihrer Nobelpreisrede 1993. „Das mag der Sinn des Lebens sein. Aber wir erschaffen Sprache. Das mag das Maß unseres Lebens sein.“

Von Felix Harbart

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