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Kultur Neue Anthologie von „Mittagsstunde“ bis „Schimmelreiter“
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Literaturland Schleswig-Holstein: Anthologie von Andersen bis Zaimoglu

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09:23 29.12.2021
Von Ruth Bender
Tiefer Blick ins Literaturland: Martin Lätzel (li.) und Olaf Irlenkäuser.
Tiefer Blick ins Literaturland: Martin Lätzel (li.) und Olaf Irlenkäuser. Quelle: Marco Ehrhardt
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Kiel

Auf Hallig Hooge entdeckt der Oberösterreicher Christoph Ransmayr zwischen Torf, Schlick und Sand die Flüchtigkeit des Seins. Bei Theodor Fontane wird das „nach italienischem Muster“ gebaute Schloss Holkenäs, „auf einer dicht an die See herantretenden Düne“ bei Glücksburg in ironischer Brechung zum „nachgeborenen ,Tempel zu Pastum’“. Und die Lyrikerin Sarah Kirsch lässt Dithmarschen dunkel leuchten: „Schwarzblühendes Feiertagsgras / Kniekehlenküsse und Zittern / Ausgebreitete Schatten im Wind Brach- / Vögel mit lächelnder Miene …

So treibt der Leser in der eben erschienenen Anthologie „Schleswig-Holstein. Literaturland im Norden“ kreuz und quer durch Zeiten und Räume, mit Durchreisenden wie Fontane oder Ransmayr, Zugereisten und Verwurzelten. 100 Autoren und 100 Orte haben Martin Lätzel, Direktor der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek, und Wachholtz-Verleger Olaf Irlenkäuser zusammengepuzzelt – nach Regionen von Achterwehr bis Wrist und querbeet von Andersen bis Zaimoglu.

Eine Textsammlung wie ein Lesebuch

„Eine Art Lesebuch“, so schreiben die Herausgeber im Vorwort, wollten sie für Schleswig-Holstein zusammenstellen; ein Buch, in dem sich Prosa und Lyrik verwirbeln und Entdeckungen machen lassen. Den Anstoß gab eine Erinnerung. „Mir sind zuerst die Schullesebücher eingefallen“, erzählt Martin Lätzel. „Die habe ich damals wirklich gelesen. Wenn mir im Unterricht langweilig war, auch unter dem Tisch.“ Die Textfragmente, Gedichte oder Kurzgeschichten, die von Böll zu Morgenstern und weiter führten, haben ihn damals beflügelt: „Das war meine erste Begegnung mit der Literatur.“ Heute kommt das Prinzip dem Schweifen im Netz mit seinen Sprüngen und Zufälligkeiten wieder nahe.

Mal sind es zwei Seiten, mal nur ein Gedankenschnipsel, die den Weg in die Anthologie gefunden haben und sich verflechten zum Netz der Bilder und Zeiten. Wichtig war Lätzel und Irlenkäuser der Brückenschlag über die Landesgrenzen nach Kopenhagen und nach Altona – dazwischen spannte sich bis ins 19. Jahrhundert das dänische Königreich. Und so finden sich auch die dänischen Ikonen Hans Christian Andersen und Herman Bang wieder.

Wenn Dörte Hansen auf Theodor Storm trifft

„Viele der Dichter aus Schleswig-Holstein haben einen Bezug in die Welt“, sagt Martin Lätzel. Der Philosoph Hans Blumenberg, der über Schiffsmetaphern schreibt. Oder Günter Grass, der seine Danziger Kindheitswelt in Lübecks historischer Backstein-Architektur wiedergefunden hat.

Überraschungseffekte sind den Herausgebern nur recht. „Mich hat interessiert, wie sich Dörte Hansen zu Theodor Storm verhält“, sagt Olaf Irlenkäuser. Die Bestseller-Autorin („Mittagsstunde“) mit ihrem schnellen knappen Ton zu dem Dichter und Juristen, der im „Schimmelreiter“ eine gemächlichere Schilderung aufnimmt. Und trotzdem erzählen beide in der Landschaft auch die Menschen mit. „Der Wind war immer noch der alte. Er schliff die Steine ab und knickte Bäume, beugte Rücken“, schreibt Dörte Hansen. „Keine Menschenseele war mir begegnet, ich hörte nichts als das Geschrei der Vögel … und das Toben von Wind und Wasser“, beschreibt Storm die Verlorenheit. Und gleich im Anschluss spinnt die Lyrikerin Doris Runge ihre eigenen Fäden um die Regentrude: „sie strickt den tag / auf langen weidenruten“.

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Ganz unterschiedlich haben die Herausgeber die Stimmen von Nord- und Ostsee empfunden – in allen aber eine deutliche Prägung durch die Natur entdeckt. „Hier oben müssen wir uns eben mit Wind und Wetter auseinandersetzen“, so Martin Lätzel, „das trifft dann auch in die gegenwärtige Klimadiskussion.“

Von Arne Rautenberg und James Krüss bis Annemarie Zornack

Dass Poetry Slammer Björn Högsdal im Buch dabei ist, nicht aber Mona Harry, könnte man den Machern vorwerfen. Oder bemängeln, dass Kiel, anders als Flensburg, Schleswig oder Lübeck, kein eigenes Kapitel hat – obwohl doch auch die Nordsee-Gewächse Storm und Klaus Groth in der Universitätsstadt verkehrten, von Liliencron bis Arne Rautenberg und Feridun Zaimoglu eine lange Reihe Autoren die Landeshauptstadt prägen.

Dem fortschreitenden Lesevergnügen tut das keinen Abbruch – man kann sich schön verlieren von Heinrich Detering bis Franziska von Reventlou, von James Krüss bis Annemarie Zornack (die sie, wie sie halb zerknirscht, halb schmunzelnd einräumen, um ein Haar vergessen hätten). Und man kann gedanklich sein eigenes Schleswig-Holstein erpuzzeln.

Schleswig-Holstein. Literaturland im Norden. Hg. von Olaf Irlenkäuser und Martin Lätzel, Wachholtz Verlag, 260 Seiten, 22 Euro