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Literaturnobelpreis für Abdulrazak Gurnah: Afrikas Stimme aus England

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18:24 08.10.2021
Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah beschäftigen die Folgen des Kolonialismus in Afrika.
Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah beschäftigen die Folgen des Kolonialismus in Afrika. Quelle: Jerzy Dabrowski/dpa
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Stockholm

Es ist eine große Überraschung: Der Literaturnobelpreis geht in diesem Jahr an den tansanischen Schriftsteller Abdulrazak Gurnah. Das gab die Schwedische Akademie in Stockholm bekannt. Der 1948 geborene Autor erhält den Preis „für sein kompromissloses und mitfühlendes Durchdringen der Auswirkungen des Kolonialismus und der Flüchtlingsschicksale in der Kluft zwischen Kulturen und Kontinenten“, so der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie, Mats Malm, bei der Bekanntgabe.

Gurnah wurde in der Küche überrascht

Selbst der frisch gekürte Preisträger konnte erst gar nicht glauben, dass es ihn getroffen hatte. „Ich dachte, das wäre ein Streich. Dachte ich wirklich“, sagte Gurnah, den die Nachricht in der heimischen Küche erreichte, auf dem Twitter-Kanal der Nobelpreise. „Das war überhaupt nichts, was ich im Sinn hatte. Ich habe nur gedacht: Wer wird ihn bekommen?“

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Abdulrazak Gurnah wuchs auf der Insel Sansibar auf und kam als Flüchtling Ende der 60er Jahre nach Großbritannien, wo er seither lebt. Schon als 21-Jähriger begann er mit dem Schreiben. Er hat zehn Romane veröffentlicht, außerdem eine Reihe von Kurzgeschichten. Obwohl Suaheli seine Muttersprache ist, schreibt er seine Bücher auf Englisch. Auch andere Sprachen wie Deutsch hätten einen Einfluss auf sein Werk, sagte der Vorsitzende des Nobelkomitees der Akademie, Anders Olsson.

Gurnah, so Olsson weiter, verzichte in seinen Romanen auf stereotype Beschreibungen und öffne –vom Erstling „Memory of Departure“ über einen missglückten Aufstand bis zum jüngsten Buch „Afterlives“ – den Blick auf ein kulturell diverses Ostafrika. Der vierte Roman „Paradise“ von 1994 (in Deutschland 2006 erschienen als „Das verlorene Paradies“) brachte ihm die Nominierung für den renommierten Booker Preis und den Durchbruch als Schriftsteller. Die Geschichte eines jungen Mannes, dessen Begegnungen in einem Garten Olsson mit Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ vergleicht.

Afrikas Rolle in der Literatur

Diskutiert wird schon länger darüber, dass der schwarze Kontinent, auch wenn es um die Künste geht, nur wenig wahrgenommen wird. Die nimmermüden Bekräftigungen aus Hollywood, wenn es um die weiße Übermacht unter den Oscar-Preisträgern geht, bestätigen das nur. Ebenso wie die Tatsache, dass keines von Gurnahs fünf ins Deutsche übersetzten Büchern derzeit im Handel greifbar ist. Und dass die Literatur Afrikas ohnehin ein Nischendasein in engagierten Kleinverlagen wie Peter Hammer oder Wunderhorn fristet. Höchste Zeit also, den Literaturnobelpreis einem Schriftsteller aus Afrika zu geben.

Der erste afrikanische Literaturnobelpreisträger war 1986 der Nigerianer Wole Soyinka („Aké. Jahre der Kindheit“). Damals in Deutschland ähnlich unbekannt wie Abdulrazak Gurnah heute. Danach folgten der Ägypter Nagib Mahfuz (1988) und Nadine Gordimer (1991) und John M. Coetzee (2003), beide aus Südafrika mit weißem Hintergrund.

Man könnte nun einwenden, dass Gurnah wie auch Soyinka ihre Lebenswelt schon früh in England bzw. USA gefunden haben, dass sie leichter zugänglich sind, weil sie auf Englisch schreiben und vor einem europäischen Hintergrund. Aber sie sind eben auch diejenigen, die weggehen mussten und davon erzählen können.

Schreiben über die Entwurzelung

Gurnahs deutscher Übersetzer Thomas Brückner, der die Romane „Ferne Gestade“ (2002) und „Schwarz auf Weiß“ (2004) übertragen hatte, bescheinigt dem Autor eine große Ruhe und „hintersinnigen Humor“. In beiden Büchern geht es um Männer, die ihre Heimat in Sansibar verlassen und sich in England in ein neues Leben hineinfinden müssen. Gurnah habe immer schon über Entwurzelung geschrieben, sagte auch Gurnahs Verlegerin Alexandra Pringle in der britischen Tageszeitung „The Guardian“. Auch für sein 2020 erschienenes jüngstes Buch „Afterlives“ gilt das. Darin erzählt der 72-Jährige die Geschichte eines Jungen, der von deutschen Kolonialtruppen gekidnappt, als Soldat missbraucht wird und nach Jahren im Krieg in sein Dorf zurückkehrt.

Bislang 120 Preisträger, darunter 16 Frauen

Der Nobelpreis für Literatur gilt als die prestigeträchtigste literarische Auszeichnung der Welt. Seit der Premiere 1901 (Sully Prudhomme) haben ihn fast 120 Persönlichkeiten erhalten. 2020 war die amerikanische Dichterin Louise Glück mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden. Sie war damit eine von 16 Frauen, die den Preis bislang in Empfang genommen haben.

Gurnah hingegen ist erst der zweite afrikanische Literaturnobelpreisträger. Zehn Millionen schwedische Kronen (rund 980 000 Euro) wird der Geehrte damit erhalten. Verliehen wird der Preis traditionell am 10. Dezember, dem Todestag Nobels.

Von Lisa Forster und Ruth Bender