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Kultur Männer in die Grube: Lübecks Schauspiel fasziniert mit Frank Wedekinds „Lulu“
Nachrichten Kultur Männer in die Grube: Lübecks Schauspiel fasziniert mit Frank Wedekinds „Lulu“
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16:40 11.06.2009
Quelle: Thorsten Wulff
Lübeck

Regisseurin Anna Bergmann lässt die mythologischen Wurzeln erkennen, die Jugendstil-Schnörkel in Frank Wedekinds Monstretragödie aber weit hinter sich. Sie zeigt eine Fratze der Dekadenz, die höhnische des „Kaputt durch Sex“.

Bergmann aktualisiert das am Thema Kindesmissbrauch, fügt Lulu als Kleinmädchenpuppe hinzu - ein leiser Kontrapunkt zu den macht- und lustgierigen Handgreiflichkeiten in der Tragödie eines Menschen, der zum Monster gemacht wurde. Diese Figur, einem Schänder zum Opfer gefallen und seiner Würde beraubt, ist unschuldig weich und sensibilisiert ungemein. Ihr wie beiläufiges Auftauchen prägt sich ein durch die Reinheit der Stimme Steffi Königs und der Lebendigkeit, mit der sie die Puppe führt.

In der zweieinhalbstündigen, pausenlosen Aufführung fügt sich eins zum anderen und zu staunenswerter Qualität. Da ist das Zentrum der zweistöckigen Szene von Jo Schramm: die Büchse der Pandora als Zuckerhut mit fatalem Auf- und Innenleben. Claudia Gonzáles Espindolas Kostüme bringen die Typen auf den Punkt, Heiko Schnurpels Sounddesign psychologisiert das Geschehen, in das selbst Inspizientin Uschi Venzke eingebunden ist. Alles zeugt vom ingeniösen Kopf der Regisseurin.

Anna Bergmann holt das Aussage-Optimum aus jeder Szene - ob sie nun Lulus Sprunghaftigkeit auf die Ballerinenspitze stellt, mit deren Aquarell-Porträt die Flüchtigkeit eines Bildes erkennbar werden lässt oder in den finalen Stationen Paris und London das maschinelle Abreagieren von Männern vorführt. Überall im offenen Vollzug ist hier die Gegenwart - und das mit den Mitteln des Schauspiels als einer Zeit und Welt durchdringenden Kunst.

Dabei wird nicht moralisiert. Wenn sich Lulu, das begehrte und begehrende Stück Fleisch, die Männer vom Hals schafft und sie an der Rampe in die Grube fahren lässt, ist das nur folgerichtig. Bergmann schleust ins Pariser Tingeltangel sowie in den Londoner Pub mit maskulinen Statisten auch eine Prise Komik - wobei Will Workman (Kunstturner Rodrigo) varietreif den kraftmeiernden Macho gibt.

Sie kommen aus dem sich immer wieder erneuernden Arsenal der Typen und geben ihr Passfoto mit allen genauen Schattierungen ab: Götz van Ooyens graue Eminenz des Dr. Schön, Jörn Kolpe als sein schöngeistig labiler Sohn Alwa, Dirk Witthuhn ein Weichei von Kunstmaler Schwarz, Renato Grünig der fiese Schigolch, Sven Simon ein Hampelmann von Dr. Goll. Im Kontrast dazu eine neue Meisterinnenleistung Astrid Färbers, die die Gräfin Geschwitz voller Selbstaufgabe sehnt und haucht.

„Lulu“ aber wäre ohne das Können der Titeldarstellerin nichts - oder peinlich. Sina Kießling bringt die Krönung ihres Lübecker Engagements, bietet alle Facetten der Figur: eine Frau ohne Krone, zwischen naiv und gerissen, ausgeliefert und sich immer mehr ausliefernd, gierig nach Leben, bis ihr auf dem roten, durch die Stationen des Abstiegs mitgeschleppten Kissen nur noch Ekel bleibt.

Wem früh die Seele genommen wird, der kann wenig Herz entwickeln und erlebt statt Eros nackten Sex - führt Bergmann eindringlicher als Wedekind vor Augen in diesem furiosen Finale der Lübecker Spielzeit.

Nächste Aufführungen: 17. Juni (20 Uhr), 21. Juni (18 Uhr) und 29. Juni (16 Uhr). Kartentelefon: 0451-399600. Infos: www.theaterluebeck.de

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