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Kultur Mal high, mal lau
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00:16 09.04.2014
Von Jörg Meyer
Konfektionsware im Sound, aber die Lightshow begeisterte: Raphael Gold & Johann Schwarz in der Villa Klub. Quelle: KN-online
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Kiel

Apropos Plakat-Slogans: „Der große Sommer-Hit aus Frankreich: Das Konzert“, lettert ein schon etwas angestaubtes Poster im Studio Filmtheater passend zum Abend. Denn gar nicht angestaubt und durchaus groß frühlings-hit-verdächtig wirkt die kleine Bühne vor dem vom Charme der Fifties flirrenden Schaukasten in der Kino-Bar. Als wir zum Start unserer kleinen Tour durch die „Nacht der Clubs“ dort eintreffen, spielen Kyles Tolone gerade ihren letzten Song. So pop-rockig pulsierend lassen die Jungs aus Rendsburg und Göttingen ihr „inneres Chaos“, wie es das Pressinfo nennt, heraus, dass das vorwiegend junge, studentische Publikum sie nicht ohne Zugabe die Bühne räumen lässt – für die Kieler Kollegen von „wirmaschine“. Die haben vor gut drei Wochen in der Schaubude ihre famose Single Ich!Künstler „releaset“, die mit Sänger David Bereuthers ironischem Text auf alle Möchtegerns der Kunst auch hier auf zustimmende Ohren und manches mitwippende Tanzbein trifft. Der Abend verspricht also, rauschend zu werden, aber leider müssen wir schon aufbrechen zum nächsten Club.

 Nämlich zur Klabauter-Session in der Hansa48, wo den Besucher ein lauschiger Folk-Pub erwartet. An den Tischen („Tanzfläche hab’ ich mich nicht getraut“, gesteht Hansa48-Programmmacher Nils Aulike) wird wie in der Haifischbar eifrig einander zugeprostet. Die Klabauterer, eine muntere Jam-Session aus Mitgliedern der Kieler Folk-Bands The Chancers, Sominka und Blind Man’s Buff, liefern dafür den flink bewegten Soundtrack. Der weiße Zipfel des agilen Bodhran-Spielers steht dabei keinesfalls für Schlafmützigkeit, und beim vom A-cappella-Trio anmutigst gesungenen Traditional Shallow Brown wird das Gerstensaft-Geplapper zu andächtigem Lauschen. Wo man so singt, da lass’ dich ruhig nieder. Wir möchten bleiben, ist doch der Augenblick so schön, aber weiter geht’s ...

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 Ins Luna und zum rap-wortgewaltigen Auftritt der Freiburger Band Otto Normal. So sehr deren frisch gepresstes Album Das neue Normal es besingt: Normal ist das nicht, wie es den zunächst noch halb gefüllten Club schon beim Titel-Song dicht bevölkert und wie vom „Treibsand in den Schuhen“, „verbrauchten Stunden und verlorenen Tagen“, so heißt es im garstigen Lamento auf die Welt der Normal-Null-Bürger, nicht die Rede sein kann. Rasch haben Otto Normal den Dancefloor erobert – mit ruppigen „Rhymes“, auch mal „freegestylet“ über die Lokalität, wo „Super Mario“ sehr retro über eine Spielekonsole hüpft wie jetzt die Tanzenden.

 Das ist so Hochkultur wie rauschend, aber wir müssen weiter durch die neblig laue Frühlingsnacht: Ins etwas Laue der Schaubude, wo die Combo de la Musica kurzfristig abgesagt hat und das Hamburger MC-DJ-Duo Slowy & 12Vince eingesprungen ist. Die Bude ist trotzdem voll und erhitzt – oder gerade deswegen? Uns hingegen mutet der Hip-Hop, der noch immer weiß, dass „die Regeln der Straße basieren auf Respekt“, recht old-schoolig an. Wo findet heute Nacht sonst noch „Klassenkampf, der Affentanz im Schlaraffenland“ (O-Ton Slowy) statt?

 Vielleicht zwei Treppen höher in der Villa Klub? Wir sind wohl zu spät, denn der Hamburger Mastermind der Disco Boys, Gordon Hollenga, hat schon das – allerdings wahrlich beeindruckend von LED-Bildschirmen befeuerte – DJ-Pult den Kollegas Raphael Gold & Johann Schwarz überlassen. Die cruisen uns mit einem wohlfeilen Mix aus Soul, R’n’B, Rave und Deep House über die Mitternacht. Geile Lightshow in 3D, ansonsten laue Konfektionsware. Immerhin ist die Tanzfläche voll. Anders als im Detail, wo bis auf ein paar fröhlichste Kicker im Backstage „høhenängstliche“ Leere herrscht. „Kommt um Zwei wieder“, empfiehlt man uns. Okay, schauen wir zwischendurch im benachbarten Max Nachttheater vorbei. Aber auch da gegen Eins nur Tanz-Business as usual. Immerhin anziehend, dass die vorbei eilenden Mädchen nach Marzipan duften – und das bunte nach „Super Mario 12.0“ aussehende Farbenspiel auf dem Laptop der kaum nach dem Party-Motto „Gestört und Gefährlich“ werkelnden DJs H-YO & Diamond.

 Das kann’s noch nicht gewesen sein beim „Möge die Nacht mit euch sein“. Absacker daher im Weltruf, wo im Kielwasser des hoch aufragenden Stevens eine endlich wieder fröhliche Crowd gischtend rauscht. „Jede Nacht, jeden Tag auf der Jagd“, tönen zum Motto „Never mind ... The 90’s“ vom Plattenteller Absolute Beginner. Da fühlen wir uns an- und aufgenommen, wenn auch von 1998 aus. Der Rausch kann kommen, für den wir vielleicht einfach nur zu alte, laue Leute sind.