Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kultur Mal schlicht, mal bunt: Stiftung Buchkunst kürt die schönsten Buchcover
Nachrichten Kultur Mal schlicht, mal bunt: Stiftung Buchkunst kürt die schönsten Buchcover
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:41 02.10.2019
Die Stiftung Buchkunst kürt jedes Jahr die 25 schönsten Buchcover des Jahres.
Die Stiftung Buchkunst kürt jedes Jahr die 25 schönsten Buchcover des Jahres. Quelle: Uwe Dettmer
Anzeige
Frankfurt

Da ist zum Beispiel das Buch von Alexander Kluge, in dem er Essays über Gedichte des amerikanischen Lyrikers Ben Lerner schreibt: „Schnee über Venedig“ heißt es, und die blaue Titelzeile ist auf weißes Leinen gedruckt. Da ist der opulente Roman „Schattenfroh“ von Michael Lentz. Auf dem dunklen Cover des 1008-Seiten-Werks sieht man unterschiedlich große Buchstaben mit silbernem oder rotem Rand, die den Titel abbilden. Und auf dem knallgrünen Einband von Finn-Ole Heinrichs neuem Kinderbuch erkennt man ein dunkles, etwas bedrohlich wirkendes Wesen – und in großer weißer Schrift den Titel: „Die Reise zum Mittelpunkt des Waldes“.

Diese drei Bücher zählen zu den geschmackvollsten in Deutschland. Zumindest laut Stiftung Buchkunst, die jedes Jahr die 25 schönsten Einbände auswählt. Dem Außenstehenden kommt diese Wahl ein bisschen vor wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Immerhin erscheinen jedes Jahr rund 80 000 Bücher, darunter 71 000 Neuerscheinungen, in Deutschland.

Vom 16. bis 20. Oktober sind diese und zahlreiche weitere ältere und aktuelle Titel aus dem In- und Ausland auf der Frankfurter Buchmesse zu sehen.

Buchcover: Das Äußere ist für die meisten Käufer und Leser entscheidend

Doch was heißt schon schön? „Für uns bedeutet es, dass ein Buch gut, dem Inhalt adäquat und der Funktion gemäß gestaltet ist“, sagt Carolin Blöink, Sprecherin der Stiftung Buchkunst. Die Stiftung nimmt das gesamte Produkt in den Blick, bewertet also auch, wie die Innenseiten aussehen. Für die meisten Leser und Buchkäufer hingegen ist vor allem das Äußere entscheidend. Ein Cover ist eine Art Aushängeschild.

Das heißt: Es soll die Geschichte charakterisieren und zum Kauf reizen. Im allerbesten – und seltensten – Fall identifiziert man anhand des Umschlags gleich den Verlag oder die Reihe. Die Edition Suhrkamp etwa ist unverkennbar. Und Diogenes-Bücher erkennt nahezu jeder Buchliebhaber auf den ersten Blick: „Die Weißen mit dem Bild und dem Rahmen“, wie das Züricher Verlagshaus das Design mit Schweizer Understatement beschreibt, sind nahezu unverwechselbar. Solch ein erfolgreiches Markenzeichen ist eher selten auf dem Buchmarkt.

Schön bedeutet, dass ein Buch gut, dem Inhalt adäquat und der Funktion gemäß gestaltet ist.

Carolin Blöink, Stiftung Buchkunst

Viele Verlage müssen jedem ihrer Titel besondere Aufmerksamkeit verschaffen. Selbst die meisten Autoren, die ihre Texte im Eigenverlag herausbringen, verstehen mittlerweile, wie wichtig eine ansprechende Titelgestaltung ist, und bekommen in zahlreichen Blogs Unterstützung. Zentrale Botschaft auch für die Autoren-Verleger: Das Cover muss auf den ersten Blick ansprechen.

Genres am Buchcover auszumachen

Der Buchumschlag entsteht nach „vermuteter Zielgruppe, aber natürlich auch unter Beachtung des Inhalts“, sagt Marie Claire Lukas, Sprecherin des Kölner Dumont Buchverlags. Es gebe Runden mit Mitarbeitern aus Lektorat, Marketing, Vertrieb, Presseabteilung und Herstellung, in denen man sich alle Entwürfe anschaue, bespreche und sich für einen Titel entscheide. Der Autor sei in den Prozess einbezogen, bei internationalen Titeln die Agentur, die den Schriftsteller vertritt. Komme man zu keinem gemeinsamen Votum, sagt Lukas, entscheide die Verlegerin – „das kommt aber selten vor“.

Nur fühlt sich eine passionierte Leserin historischer Romane höchstwahrscheinlich von anderen Einbänden angesprochen als derjenige, der Sachbücher über die Situation in Nahost bevorzugt.

Auf jeden Fall sind bestimmte (Unter-) Genres schnell am Cover auszumachen. Eine Frau, die versonnen aufs Meer blickt, der Rücken einer Schönen, die mit Koffer in der Hand zum Zug eilt, zwei Frauen, die sich unterhaken und über eine Straße schlendern – solche Bilder signalisieren: Hier geht es um die Geschichte einer Frau, die sich von (Liebes-)Enttäuschungen und Widerständen nicht aufhalten lässt und dem Leben schöne Seiten abtrotzt.

Einfarbige Einbände und große, auffällige Schrift: Das ist eine aktuelle Strömung in der Grafikszene.

Carolin Blöink, Stiftung Buchkunst

Buchcover sind Moden unterworfen

Solche Einbände sind Dauerbrenner. Doch auch Cover sind Moden unterworfen. Derzeit heißt es gerade bei literarisch ambitionierten Büchern: Schlicht ist schön. Die Gestalter verzichten auf Bilder und arbeiten stattdessen mit einfarbigen Einbänden und großer, auffälliger Schrift. „Das ist eine aktuelle Strömung in der Grafikszene“, sagt Carolin Blöink. Die elegant wirkt und – Mode hin oder her – auf eine gewisse „Zeitlosigkeit“ (Blöink) zielt.

Der mit 10 000 Euro dotierte Preis der Stiftung Buchkunst 2019 geht an das Buch „Name Waffe Stern“. Quelle: Uwe Dettmer

Dumont arbeitet bei der Umschlaggestaltung mit einer Agentur zusammen. Auch bei deren Arbeiten spiele Typografie derzeit eine große Rolle, sagt Marie Claire Lukas, ebenso wie Veredelungen etwa mit Lacken oder besondere Farben.

Stereotype Umschlaggestaltung bei Frauenbüchern

Die amerikanische Schriftstellerin Meg Wolitzer („Die Interessanten“, „Das weibliche Prinzip“) hat daran bestimmt ihre Freude. In einem auch in der deutschen Literaturszene beachteten Essay für die „New York Times“ mit dem Titel „Das zweite Regal“ monierte sie nicht nur, dass Bücher von Frauen oft weniger Anerkennung erhielten als die männlicher „Großschriftsteller“ wie Thomas Pynchon, Jonathan Franzen oder Jeffrey Eugenides. Sondern die feministische Autorin kritisierte auch die stereotype Umschlaggestaltung von Frauenbüchern: Bilder langhaariger junger Frauen im Sommerkleid.

Sie wünsche sich, dass mehr Bücher von Schriftstellerinnen mit neutralem Cover und dem Autorinnennamen in großen Buchstaben erscheinen würden. Wolitzers deutscher Verlag Dumont setzt das bei ihren Romanen um.

Die Stiftung Buchkunst hat sich bei ihrer Wahl für das schönste Buch des Jahres vor Kurzem übrigens für „Name Waffe Stern“ entschieden, ein Fachbuch von Felix Holler, Jarsolaw Kubiak und Daniel Wittner über das Emblem der Rote Armee Fraktion (RAF). Auf dem grauen Einband des Gewinnerbandes sind der Umriss eines Sterns und eine Waffe zu sehen. Und die Buchstaben RAF – groß und weiß umrandet

Lesen Sie auch: „Kassandra von Kaisborstel“ – Trauer um den Dichter Günter Kunert

Von Martina Sulner/RND