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Kultur Fantastische Wechselbäder in der Obsthalle
Nachrichten Kultur Fantastische Wechselbäder in der Obsthalle
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00:42 16.07.2014
Von Beate König
Foto: Das New Skool Sextett mit Musikern aus dem südafrikanischen Miagi (“Music is an investment“) Youth Orchestra heizten dem Publikum in der Obsthalle mit einem extremen Stilmix ein.
Das New Skool Sextett mit Musikern aus dem südafrikanischen Miagi (“Music is an investment“) Youth Orchestra heizten dem Publikum in der Obsthalle mit einem extremen Stilmix ein. Quelle: Axel Nickolaus
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Erst eine Doppelportion Klassik von jungen Musikern, dann mit den Jazzern vom südafrikanischen Music is an Investment (MIAGI) durch die Obsthalle grooven – das kam bei den Musikfest-Neulingen Julia Jarausch (29) und Frank Remien (33) in der Obsthalle richtig gut an. „Das Lübsche Trio war technisch super,“ so Remien. Ein drittes Mal Klassik jedoch wäre für den Kieler zu viel gewesen. Die mit HipHip angereicherten Modern-Jazz-Klänge des New Skool Sextetts, die Power der tanzlustigen Musiker, die sich um die Solisten scharten und sie wie Straßentänzer mit cooler Gangsta-Geste anfeuerten, „waren zum Abschluss ein netter Kontrast.“ Remien fehlte lediglich der angekündigte afrikanische Touch.

 War Zuschauer Peter Kraemer ebenso begeistert vom Trio, hielt er sich doch bei der Aufforderung von Bandleader Tshepa Tsotesti „Bounce! Bounce!“ , sich also hüpfend durch die Halle zu bewegen, deutlich zurück. Zu viel Rhythmus, zu wenige Melodie und Harmonie steckte dem Scharbeutzer Musikkenner in den Klängen. Auch das in einem Love Song herausblitzende Zitat aus Ravels Bolero konnte Kraemer nicht überzeugen. Angesteckt von der mitreißenden Spiellust der jugendlichen Musiker, die nach einem soften Einstieg in einen Heißsporn-Sprint-Modus wechselten, wurde dagegen Zuhörerin Kerrin Schoene. „Die haben Pfeffer!“ sagte die Rendsburgerin, die sich in der Pause im Schatten der Parkbäume vom Tanzfieber erholte.

 Gleiche Bühne, eine Stunde später. Sol Gabetta, als Ausnahmecellistin gefeiertes Talent, versetzt mit Pianist Bertrand Chamayou an ihrer Seite das Publikum in kollektive Tiefenentspannung. Kein Huster stört die Sonaten von Ludwig van Beethoven und Frederic Chopin. Das Publikum genießt und dankt nach beinah jedem Satz mit kräftigem Applaus für die Kraft, die spürbar wird, wenn Sol Gabetta spielt. „Sie war eins mit dem Cello, spielte mit so viel Leidenschaft“, schwärmt Edlira Kembora aus Albanien. Ihre Freundin Antje Leimbach sucht nach Worten für den Eindruck, der noch Stunden später anhält: „Traumhaft. Ich bin weggeschwebt.“ Will man so einen Star, der durch die Musik spricht, gehen lassen? Lucy Wegner rennt barfuß über Kiesel der Cellistin bis zum Audi hinterher, holt sich ein Autogramm. „Sogar mit Herzchen,“ freut sich die Neunjährige. Mit drei Jahren Cellounterricht als Erfahrungswert hat Lucy bereits gehört, was Gabettas Spiel ausmacht: „Wenn die Musik ruhig ist, ist sie entspannt, wenn es wild wird, spielt sie mit Temperament.“

 Zu spät für die junge Musikerin beginnt um zehn Uhr die A-cappella-Gruppe On Air. Pop in Präzision und mit greifbarer Präsenz präsentiert das Sextett, dem die Stücke mit dem großformatigen, orchestralen Sound in die Kehlen arrangiert wurden. Die Eigenständigkeit der Sänger, die allesamt mühelos zwischen Solo- und Begleitparts wechseln, der exakte Groove der Human Beatbox Patrick Oliver, die hohe Klangdichte und die nahtlosen Tempowechsel, wenn Pop zu Reggae, zu Techno und wieder zu Pop wird, plätten das Publikum. Das Feuerwerk der Stimmen klingt noch auf dem Heimweg durch die Nacht nach. Wenn jedes Musikfest so wird, dann steht SHMF-Gästen ein fantastisch vielgestaltiger Sommer bevor.