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Kultur „Keinen Schutz als in der Dunkelheit“
Nachrichten Kultur „Keinen Schutz als in der Dunkelheit“
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12:09 09.03.2020
Von Thomas Richter
Theater Augenblicke zeigt Maria Stuart. Hier im Bild: Annika Voß, Katharina Buczylowski und Rotraud Apetz. Quelle: Marco Ehrhardt
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Kiel

Denn es geht ihr in der im ausverkauften Möbelhaus Dela mit viel Beifall honorierten Lesart der um fast die Hälfte gekürzten Originalfassung des Stoffes im Wesentlichen darum, wie sich Missgunst. Verrat, Untreue und Machtgelüste, aber auch Eitelkeit und Geltungssucht in unserer modernen digitalen, aber damit auch unsichtbaren Welt den Weg in eine persönliche und moralische Katastrophe bahnen können.

Die meisten Intrigen laufen digital

All die Intrigen und Gemeinheiten, die „Fake News“, die die hier Geschichte  vorantreiben laufen im Wesentlichen digital. Via Smart-Watch oder sonst einem hoch entwickelten Gadget, das Unabhängigkeit verheißt, einen am Ende aber doch in Ketten legt.  Der Einsatz dieser Technik und der Glaube der Figuren an deren Unfehlbarkeit führen in dieser Inszenierung dazu, dass Maria, Königin von Schottland, seit 18 Jahren in Haft sitzt, weil ihre Tante, die englische Königin Elisabeth I. ihren Thron von der jüngeren, attraktiveren und von den Männern deshalb umgarnten Frau bedroht sieht.

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Doch es geht bei dem Kampf der beiden starken, im Prinzip aber einsamen Frauen,  deren Konflikt Menzer ein markant feministisches Ausrufezeichen verleiht,   auf der Bühne eben nicht nur um die englische Krone oder kontinentale, politische Interessen. Es geht in erster Linie darum, wie medial übertragene Unwahrheiten und Manipulationen funktionieren.

Abstraktes Wesen als „Raum-Zeit-Präsenz“ 

Deshalb hat Menzer dem Stück ein „sprachloses“ futuristisch wirkendes abstraktes Wesen hinzugedichtet, das eine „ Raum-Zeit-Präsenz“  erzählen soll. Obwohl der Ansatz durchaus reizvoll ist, wirken einige Szenen wie aus  frühen „Raumschiff Enterprise“ Folgen, wo die Crew, also die modernen Helden, ausgestattet mit bestaunenswerten Gerätschaften auf einem mittelalterlichen Planeten gelandet sind, und mithilfe ihrer Hightech-Utensilien die jeweiligen Probleme zu lösen. Denn die Kostüme (Birgit Hoffmann) sind klassisch,  aber die Darsteller tragen meistens ein blau leuchtendes Kommunikationsinstrument am Arm.

Todesurteil auf dem Tablet

Dass Elisabeth das Todesurteil für Maria Stuart letztendlich auf  einem  Tablet unterschreibt, bildet in diesem Sinne den  Schlussakkord, eines Abends,  den die Regisseurin, die ihr Ensemble um die Hauptakteurinnen  Elisabeth I ( Silke Böttcher) und Maria Stuart (Katharina Buczylowski) auf ein Höchst-Niveau (auch was die Versform in Schillers Werk betrifft) eingestellt hat, trotz über zwei Stunden pausenloser Spielzeit absolut sehenswert gestaltet hat.