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Kultur Wo Trümmer seufzen
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18:12 03.07.2019
Von Sabine Tholund
Die Künstlerin Hannah Bittner mit ihren Arbeiten im Anscharpark.
Die Künstlerin Hannah Bittner mit ihren Arbeiten im Anscharpark. Quelle: Björn Schaller
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Kiel

 Und wieder hat Thomas Judisch, selbst Absolvent der Muthesius-Kunsthochschule (2009) sowie der Akademie der Künste in Dresden (2011), die Schau im Atelierhaus im Kieler Anscharpark eingerichtet und mit kreativem Witz geprägt.

Fünfzehn Teilnehmer

Nicht jeder der 15 Ausstellungsteilnehmer wird bei der Eröffnung persönlich anwesend sein. Einige haben Kiel bereits verlassen – wie Fanducong Zeng, der in seine Heimat China zurückgekehrt ist. Leider sind auch seine figurativen Gemälde nur in Gestalt von Postkarten zugegen. In einem Aufsteller im Eingangsbereich aufgebaut, lassen sie an Souvenirs denken: klein aber fein – eine schöne Idee, wenn auch ziemlich unauffällig. Keinesfalls übersehen kann man indes die Installation Blowing von Hyunju Oh aus der Medienklasse. Zerbrochene Ziegelsteine, die aussehen, als wären sie einst Teil eines Gebäudes gewesen, hat sie zu einer imposanten Trümmerlandschaft ausgelegt.

Wunde, Schmerz und Heilung

Aus den Ruinen dringt via Lautsprecher ein Seufzen und Stöhnen, aber auch ein lang anhaltender, erleichterter Atemzug an das Ohr des staunenden Besuchers. Warum? „Die Arbeit handelt von der Beziehung zwischen Wunde, Schmerz und Heilung“, so die Künstlerin. Wer sich darauf einlässt, wird verstehen.

Fragen des Voyeurismus

Auch den Gemälden von Hannah Bittner, die wie Grigori Skrylev ihre Master-Prüfung erst während der laufenden Ausstellung ablegen wird, kann man sich kaum entziehen. In sechs Porträts setzt sie sich mit Fragen des Voyeurismus auseinander. Ihr halbnacktes Modell, das nicht in das Schema üblicher Schönheitsideale passt, starrt dem Betrachter entgegen und kontert so die Rolle der Beobachteten mit einem beinahe aggressivem Selbstbewusstsein. Auf ganz andere Weise im Fokus steht der menschlichen Körper bei Merlin Laumert. Körpersimulationen nennt er seine fünfteilige Fotoserie, die einen geschienten Oberschenkelknochen oder das Modell eines Kiefers unter extremer Gewichtsbelastung zeigt. Die Dummy-Objekte hat der Absolvent der Medienklasse durch dezente Verfremdungen ins Künstlerische übersetzt – die Inszenierung wirft Fragen nach der Sinnhaftigkeit des Dargestellten auf.

Hommage an Lissabon

Rätselhaft erscheint auch die Bodenarbeit von Franziska Stäb. Weiße, zu einem Quadrat geordnete Fliesen hat sie mit sparsam stilisierten Zeichnungen versehen – eine reizvolle Reminiszenz an die Fassadengestaltung und Architektur Lissabons, deren geografische Lage am Tejo die Keramikkünstlerin in ihren Zeichnungen verschlüsselt thematisiert.

Kein schneller inhaltlicher Zugriff

So bleibt dem Besucher in fast allen Fällen der schnelle inhaltliche Zugriff auf die Exponate verwehrt. Und das macht den Charme der Schau aus. Auf den ersten Blick recht handfest wirkt allerdings der pechschwarze Panther, den Vera Kähler im Kesselhaus auf einen pinkfarbenen Läufer gesetzt hat. Das Plüschtier schaut gebannt in einen Halbkreis von Monitoren, die das Fließen von Wasser in unterschiedlichen Geschwindigkeiten zeigen. In einem gescheiten Begleittext erläutert die Künstlerin die Hintergründe der Arbeit. Viel schöner als jede Erklärung ist jedoch der Titel der Installation, die sie Panta Rhei (griechisch für: alles fließt) nennt.

Informationen

Atelierhaus im Anscharpark. Heiligendammer Str. 15. Bis 21. Juli. Fr/Sa 15-18, So 12-18 Uhr

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