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Kultur Matthäus-Passion: Museal, aber spannend
Nachrichten Kultur Matthäus-Passion: Museal, aber spannend
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10:39 01.09.2019
Gut gefüllte Bühne in der Lübecker MuK: der Schleswig-Holstein Festival Chor, der NDR Chor, das Elbphilharmonie Orchester des NDR und Gesangssolisten brachten, geleitet von Masaaki Suzuki, Bachs Matthäus-Passion zu Gehör.
Gut gefüllte Bühne in der Lübecker MuK: der Schleswig-Holstein Festival Chor, der NDR Chor, das Elbphilharmonie Orchester des NDR und Gesangssolisten brachten, geleitet von Masaaki Suzuki, Bachs Matthäus-Passion zu Gehör. Quelle: Axel Nickolaus
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Lübeck

Die Erklärung liegt im aufführungs-archäologischen Ansatz, den das SHMF in der Lübecker MuK verfolgt hat: Eine Rekonstruktion der Aufführung von 1841, mit der Felix Mendelssohn diese Passionsmusik der Vergessenheit entrissen und damit die Renaissance des Bach‘schen Œuvres eingeläutet hatte.

Klang- und emotionsgesättigten Werksicht

Der Romantiker Mendelssohn bearbeitete damals die Bach‘sche Partitur gemäß der zeitgenössischen Musikpraxis: Streichung von etlichen Nummern und Teilen, ein verändertes Instrumentarium nebst romantischer Phrasierungs- und Dynamik-Bezeichnungen.

In dieser Fassung führte nun Japans „Bach-Papst“ Masaaki Suzuki mit einem Großensemble dieses Basis-Werk der europäischen Musikgeschichte zum Festivalfinale auf und setzte mit einer klang- und emotionsgesättigten Werksicht einen diskussionswürdigen Kontrapunkt zur heutigen Hör- und Sichtweise Bach‘scher Musik.

150-köpfiger Riesenchor als homogenes Ensemble

Unmittelbarer Höreindruck: eindrucksvoll breite Opulenz bei weitgehend gemäßigten Tempi. Damit einher ging natürlich bei einem rund 150-köpfigen Riesenchor (NDR-Chor plus SH Festival Chor) eine gewisse Schwerfälligkeit bei Attacca-Übergängen in den wilden Turba-Chören.

Dabei hatte Nicolas Fink in hörbar effektiver Probenarbeit ein erstaunlich homogenes Ensemble geformt, dem speziell im klanglich-dynamischen Bereich außerordentlich gelungenes glückte. Da gab es neben anrührenden Choral-Pianissimi den erschreckenden Furor der Turba-Einwürfe bis zum markerschütternden „Barrabam-Ruf“ und insgesamt eine vorbildliche Textverständlichkeit.

Elbphilharmonie Orchester des NDR mit Licht und Schatten

Konnte Maestro Suzuki sich also beim Chor auf wohlpräparierte Chöre verlassen, sah das beim üppig besetzten Elbphilharmonie Orchester des NDR ein wenig anders aus. Auf der Habenseite standen vorzügliche Soli von Konzertmeister Stefan Wagner und Solo-Oboist Paulus van der Merwe.

Dagegen ließen einige ärgerliche Ungereimtheiten in den Streichern auf Unterprobung oder Unaufmerksamkeit schließen. Mendelssohns Idee, die Continuogruppe mit zwei Celli plus Kontrabass zu besetzen, überzeugte hier hinsichtlich Präzision und Intonationsreinheit weniger, wogegen der Klarinetteneinsatz eine originelle Farbe ins Klanggeschehen brachte.

Solisten verliehen der Passion Tiefe und Wahrhaftigkeit

Wirklich erfreulich die homogen agierende Solistenriege, die mit erlesener Wortbehandlung und intensiver Deklamation dem grausigen Passionsgeschehen Tiefe und Wahrhaftigkeit verlieh. Mauro Peter als betroffen wirkender Evangelist spürte vielschichtigen Nuancen der Anteilnahme nach, während Christian Immler ein würdevoll-gefasster, nahezu unerschütterlicher Jesus war.

Brillant und voller Autorität der kerngesunde Bass von Matthias Winckhler, während dem kernig-tragenden Alt von Olivia Vermeulen leider viel zu wenige Entfaltungsmöglichkeiten geboten wurden. Prima inter pares die weltweit gerühmte Carolyn Sampson, deren wandlungsfähiger Sopran vom intensivem Piano bis in jubelnde Stratosphären für Entzücken sorgte.

Fazit: museal, aber allemal eindrucksvoll und spannend.

Von Detlef Bielefeldt