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Kultur Mit Florian Illies zurück ins Jahr „1913“
Nachrichten Kultur Mit Florian Illies zurück ins Jahr „1913“
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20:38 19.10.2018
Das Bild spielt auch im Buch eine große Rolle: Florian Illies. Quelle: Patrick Bienert
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Berlin

Der Buchumschlag zu dem neuen Werk von Florian Illies zeigt den Autor vor einer Kulisse aus tosender Gischt. Es handelt sich beim Hintergrund um ein Gemälde, das sich auf Seite 271 des Buches noch einmal findet. Illies selbst hat dazu getextet: „Auf ein gutes neues Jahr: In den letzten Dezembertagen des Jahres 1913 malt Paul von Spaun in Capri am Strand dieses Bild, bei dem man die Brandung schon hören kann.“ Die Bildunterschriften hätten ihm als Redakteur immer am meisten Spaß bereitet, sagt der 47-Jährige. Hier geht es zu einem Interview mit dem Autor.

Die Brandung sagt viel aus über Autor und Werk

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Die Bildunterschrift und die Brandung sagen viel aus über Autor und Werk:

Zum einen sind es die Details, die Anekdoten, in denen Florian Illies das Jahr 1913 nun schon in einem zweiten Buch lebendig werden lässt. So sieht der Leser Kafka zu, wie er am 1. April zur Selbsttherapie Kohlrabi ausbuddelt, wovon er seiner Briefpartnerin Felice stolz schreibt, „im bloßen Hemd bei Nieselregen“. Zugleich kann man beim Lesen die Brandung schon hören, die im Jahr darauf in Form des Ersten Weltkrieg an Europas Küsten aufschlagen wird.

Jean-Claude Juncker verschenkte das Buch an alle Staatschefs

Den ersten Band schenkte deshalb der Präsident der Europäischen Union, Jean-Claude Juncker, in englischer Übersetzung allen Staatschefs. Als Warnung, dass sich die Geschichte nicht wiederholen darf.

„1913“ war im Erscheinungsjahr 2012 das meistverkaufte Sachbuch Deutschlands. Es stand mehr als siebzig Wochen auf der Bestsellerliste und wird fortlaufend in neue Sprachen übersetzt, derzeit sind es 28. Infolgedessen wurde das Prinzip oft adaptiert, einem Jahr ein Buch zu widmen. Das stört den Autor nicht. „Ich habe darauf ja kein Patent“, sagt er.

Den Untertitel der Fortsetzung „Was ich unbedingt noch erzählen wollte“ nimmt man dem Autor ab. Im Gespräch freut er sich über jede einzelne Ausgrabung. Sein Schriftstellerkollege Ferdinand von Schirach habe ihn dazu ermutigt, sich diesem Zeitraum noch einmal mit einem neuen Buch zu widmen.

Der Dauerschnupfen von Rainer Maria Rilke als Running Gag

Als eine Art Running Gag fungiert der Dauerschnupfen des Dichters Rainer Maria Rilke, der schon im ersten Band eine Rolle spielte. Hermann Hesse leidet zudem an Zahnweh – Illies charakterisiert die Großen des beginnenden 20. Jahrhunderts nicht nur anhand ihrer Taten, sondern auch anhand ihrer Schwächen. Er beschreibt zudem die Verquickung von Kunst und Wissenschaft: Niels Bohr und Marcel Proust zerlegen zeitgleich jeweils auf ihre Weise die Welt in ihre kleinsten Bestandteile.

Cover Quelle: Verlag

Dabei baut er auch Seitenhiebe auf die Gegenwart ein: Mata Hari sucht den deutschen Kronprinzen zu verführen und bietet an, im Berliner Stadtschloss hinduistische Tempeltänze aufführen zu dürfen. Illies kommentiert trocken: „Die Geburtsstunde des Humboldt-Forums schien also zum Greifen nah.“ Es sind diese pointierten Humoresken, die aus einer Chronik Literatur machen.

Mit kühnen Wortspielen beschreibt Illies etwa einen Brief von Lou Andreas-Salomé, die nicht nur Sigmund Freud betörte, als „Freud’sches Versprechen“.

Als Autor gelang Illies gleich mit seinem Debüt im Jahr 2000 der Durchbruch: mit dem Porträt seiner vom Wohlstand verwöhnten, unpolitischen Altersgenossen. „Generation Golf“ wurde millionenfach verkauft.

Eine Reihe von ungewöhnlichen Karrierewechseln

Illies hat eine Reihe von ungewöhnlichen Karrierewechseln hinter sich: Ehe er Gutachter des Auktionshauses Villa Grisebach in Berlin wurde, hatte er bereits den Olymp des Feuilletonjournalismus erklommen: Mit 26 Jahren wurde er Feuilletonredakteur der „FAZ“, leitete die Berliner Seiten und half beim Aufbau der Sonntagszeitung. 2009 wurde er neben Jens Jessen Feuilletonchef der „Zeit“. Zusammen mit seiner Frau und Bankerstochter Amélie von Heydebreck gründete er 2004 die Kunstzeitschrift „Monopol“. Im neuen Jahr wird Illies Rowohlt-Verleger. Keine leichte Aufgabe: Im Vorfeld haben sich mehrere Autoren, darunter die aktuelle Buchpreisträgerin Inger-Maria Mahlke, gegen die Abberufung der bisherigen Verlegerin Barbara Laugwitz ausgesprochen.

Doch man ahnt: Illies wird auch für diese Brandung die passende Bildunterschrift haben.

Von Nina May/RND

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