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Kultur Offener Brief gegen Rolf Petersen
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17:22 25.06.2019
Ute Lemm (re.) wünscht sich neben Kornelia Repschläger für die Oper Rolf Petersen (li.) als Schauspieldirektor.
Ute Lemm (re.) wünscht sich neben Kornelia Repschläger für die Oper Rolf Petersen (li.) als Schauspieldirektor. Quelle: Henrik Matzen
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Rendsburg

Die Berufung Petersens, seit vielen Jahren Leiter der Niederdeutschen Bühnen in Schwerin und Flensburg sowie als Gastregisseur auch in Kiel und Neumünster bekannt, sei eine Personalie, die „schlichtweg als Skandal bezeichnet“ werden müsse, so eine namentlich genannte Gruppe von immerhin 24 Schauspielerinnen, Schauspielern, Dramaturgen und Theaterpädagogen in ihrer Stellungnahme an die zukünftige Chefin.

Landestheater erfordert "Erfahrungshintergrund"

„Die Schauspieldirektion eines subventionierten Theaters, mithin des größten Landestheaters in Deutschland, erfordert einen spezifischen Erfahrungshintergrund, ein Beheimatetsein in aktuellen theatralen, kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Diskursen, selbstverständlich Vertrautheit mit klassischer und zeitgenössischer Dramatik, Netzwerke – und vor allen Dingen: einen eigenen künstlerischen Willen.“

Vielfältiger Spielplan für ein heterogenes Publikum

Nur mit Kenntnis der Entwicklungen, Themen, zentralen Ereignisse und Persönlichkeiten des zeitgenössischen Theaters und mit in Jahren der Theaterarbeit gewonnenen Kontakten entstehe interessantes und relevantes Theater. Nur mit einem breiten Repertoire an Verbindungen und Erfahrungen mit Texten und Ästhetiken werde es möglich sein, einen vielfältigen Spielplan für ein so heterogenes Publikum wie das des Landestheaters zu gestalten, einen, der dessen kulturellen Bildungsauftrag erfüllt.

Petersens künstlerische Biografie reiche nicht aus

Produktionen wie Indianer, Faust, Mörder Ahoi, Der kaukasische Kreidekreis, Shakespeare in love, Wie es euch gefällt, Moby Dick sowie Ur- und Erstaufführungen wären „ohne umfassendes Wissen, Erfahrung und Vernetzung“ niemals zustande gekommen in den vergangenen Jahren. Die Verfasser des Briefes bescheinigen Rolf Petersen durchaus „unbestrittene Verdienste“ als fähigem Organisator und für das Niederdeutsche Theater, bezweifeln aber, dass eine künstlerische Biografie an Niederdeutschen Bühnen, Amateur- und Privattheatern für die neue Aufgabe ausreicht.

Unterhaltendes, ambitioniertes Volkstheater?

Sein Bild eines „ambitionierten Volkstheaters“, das jeder verstehen und das unterhalten solle, reicht den Unterzeichnern als Vision für ihre zukünftige Arbeit nicht aus, zumal Petersens Verweis auf Christoph Schroth widersprüchlich sei: „Schroths Theater diente nicht der Unterhaltung, sondern die Unterhaltung diente dem Einschleusen kritischer Themen, Texte und Gedanken, dem Unterlaufen der DDR-Zensur. Auch ’volksnahes’ Theater kann nur stattfinden, wo die aktuellen Debatten und politischen Gegebenheiten berücksichtigt werden, nicht mit Jahrzehnte alten Konzepten aus völlig anderen Kontexten.“

Regionale und überregionale Attraktivität in Gefahr?

Theaterschaffende hätten nicht den intellektuellen Horizont des Publikums zu bestimmen. Deshalb fürchte man nun um die regionale und überregionale Attraktivität, die das Schauspiel am Landestheater für Publikum, in Künstlerkreisen und dem Feuilleton bislang hatte.

Stellungnahme der designierten Intendantin

Die designierte Landestheater-Chefin Lemm, derzeit noch künstlerische Betriebsdirektorin und Orchesterdirektorin am Theater Erfurt, reagierte am Abend enttäuscht über den Weg, den das Schauspielensemble für seine Kritik gewählt hatte. Sie hätte sich zudem mehr Neugier und Offenheit von ihnen gewünscht. Die Skepsis, Petersen bringe keine ausreichenden Voraussetzungen für die Leitung der Schauspielsparte mit, teilt Lemm nicht: "Ich habe zum Beispiel von ihm in Schwerin das für mich bisher beste Kindertheater überhaupt gesehen. Und ich weiß um seine ausgeprägten eigenen Netzwerke und seine Breite der Themen."

Von Array

Thomas Richter 24.06.2019
Gunnar Müller 24.06.2019