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Kultur "Bei uns geht es um die Sekunde"
Nachrichten Kultur "Bei uns geht es um die Sekunde"
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07:30 26.07.2019
Von Ruth Bender
Musiker Ro Krauss (mit Zigarre) taucht mit seinen Bandkollegen in die goldene Zeit der Musik befeuerten Stummfilmkomik.
Musiker Ro Krauss (mit Zigarre) taucht mit seinen Bandkollegen in die goldene Zeit der Musik befeuerten Stummfilmkomik. Quelle: Neeltje de Vries
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Ro Krauss: Sie haben als Band begonnen und sind beim Musiktheater gelandet. War das geplant?

Überhaupt nicht. Aber es war schon so, dass ich und meine Studienfreunde, die übrigens mehr wie Brüder sind, am Konservatorium immer etwas fremd waren. Die anderen Kommilitonen waren sehr ernsthaft mit ihrem Studium beschäftigt, während wir immer viel Witze und Spaß gemacht haben. Vielleicht hat es damals schon angefangen.

Sie haben alle eine klassische Ausbildung. Hilft das, wenn man Musik-Comedy macht?

Ja, das hilft. Das sieht man auch an Karel de Rooij, einem holländischen Musikclown. Von ihm haben wir gelernt, dass Witzemachen und Clownerie im Theater ein sehr seriöses und konzentriertes Business sind. Die Zeit, die es braucht, um ein Geigenkonzert von Mozart einzustudieren, die brauchen wir auch, wenn ein Sketch sitzen soll.

Bei Släpstick geschieht vieles gleichzeitig: Seilspringen, Steptanz, Singen, Spielen. Die Mischung erfordert extremes Timing – eine Herausforderung?

Ja, bei uns passiert sehr viel auf der Bühne. Es ist ein Prozess von Fallen und wieder Aufstehen. Auch dabei hilft uns unsere klassische Ausbildung. Jede Note ist Präzision. Um die Musik aber mache ich mir sowieso keine Sorgen; die steckt in unseren Genen. Eher schon um das Lassowerfen oder die richtigen Schritte. Was wir machen, ist wie ein Ballett. Da geht es um die Sekunde. Wir haben auch alle einen Knopf im Ohr, der uns die Zeit vorgibt.

Warum gehören Musik und Komik für Sie zusammen?

Als ich jung war, habe ich immer die Charlie-Chaplin-Filme geguckt und den besonderen Slapstick der Zeit geliebt. Und immer war ein Musiker dabei, der den Film live begleitete. Mit dem Stummfilm habe ich entdeckt, dass auch der Musiker im Film seine Rolle hat. Später habe ich Danny Kaye gesehen und Mr. Bean – und ich habe gemerkt: Komik funktioniert erst mit Musik.

Warum?

Erstens ist Musik eine universelle Erfahrung, für die es keine Worte braucht. Und trotzdem erklärt und illustriert sie Bilder und Situationen. Wenn im Film der böse Mann auftritt, dann kündigt die Musik das doch schon an.

Finden Sie auch in der klassischen Musik solche komischen Momente?

Absolut. Ich habe zum Beispiel sehr gelacht, als ich Paul Hindemiths Der Schwanendreher einstudiert habe. Ein Stück für Bratsche und Klavier – und über die Noten hat der Komponist geschrieben: „Tonqualität ist Nebensache“. Das war witzig. Aber auch die Anmerkungen von Mozart in seinen Partituren sind sehr lustig und originell. Insofern haben wir Vorbilder durch die gesamte Musikgeschichte.

Sie arbeiten sich quer durch alle Stile von der Stummfilmmusik bis zum Balkanjazz ...

Wir verbinden Stile aus allen Epochen. Da trifft sehr alte Musik, etwa von Bach, auf House und Pop.

Sie spielen so gängige Instrumente wie Saxofon, Geige und Klavier, bauen aber auch Eigenkreationen …

Ja, am Wochenende haben wir eine Mando-Gitarre dabei. Das ist ein Doppelinstrument, bei dem die Mandoline auf die Rückseite der Gitarre montiert ist. Außerdem gibt es eine Trompetengeige mit Grammophon-Effekt. Unser Kontrabassist Sanne van Delft ist da sehr erfinderisch. Der probiert alles aus.

Haben Sie vielleicht außerdem auch ein Faible für Nostalgie?

Wir haben uns in diese Zeit der Zwanziger und Dreißiger verliebt, das kann man wohl so sagen. Damals war die Welt ein bisschen einfacher. Es war vielleicht keine gemütliche Zeit, aber eine aufregende. Ich denke, dass auch viele unserer Zuschauer ein bisschen Heimweh haben nach dieser Zeit, nach großen Balletten und großer Show. Und wir versuchen, diese besondere Tradition des Slapstick auch für die wiederzubeleben, die sie gar nicht kennen.

Haben Sie einen Lieblingskomiker?

Charlie Chaplin ist der Meister. Und er war nebenbei auch ein sehr guter Musiker. Er hat für alle seine Filme die Musik gemacht; und weil er keine Noten kannte, hat er sie diktiert. Ich bin aber auch ein großer Buster-Keaton-Fan. Seine Acts waren lebensgefährlich – aber er war ein klasse Stuntman, der vieles mit einem Take hinkriegte.

Kieler Schloss. Sa., 27. Juli, 20 Uhr; So., 28. Juli, 19 Uhr. Karten: Tel. 0431 / 237070, www.shmf.de