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Kultur Musikfestspiele glänzten mit britischen Bezügen
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18:09 10.06.2013
Von KN-online (Kieler Nachrichten)
Chefdirigent Christian Thielemann musizierte mit seiner Staatskapelle Dresden zum Wagner-Jahr 2013 dessen Oratorium „Liebesmahl der Apostel“. Quelle: dpa
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Dresden

Um so erfreulicher, dass das Musenfest als markanten Auftakt Edward Elgars (1857-1934) hierzulande kaum bekanntes Oratorium „The Dream of Gerontius“ (1900) wählte. Das Hauptwerk jenes Meisters, der die seit Henry Purcells Tod 1695 in einem Dornröschenschlaf versunkene tonschöpferische Gilde Englands wieder erweckte.

 Basierend auf einem Gedicht des Kardinals John Henry Newman, erzählte das Opus vom sterbenden Menschen in Erwartung des Gerichts über seine Sünden. Ein katholisches Sujet, das in seiner spätromantischen Tonsprache Seitenblicks auf Wagners Kompositionsstil erkennen lässt. Die Kruzianer und das Vocal Concert Dresden, in ihrer Verschmelzung ein für Elgars Idiom geradezu ideales Klangbild erschaffend, wurden da von der spannungsvoll musizierenden Janáček-Philharmonie Ostrava mit Kreuzkantor Roderich Kreile am Pult bestens unterstützt. Und der Tenor Tomáš Černý vermochte der gewaltigen Titelpartie in Deklamation und nuancierter Gestaltung überzeugendes Profil zu verleihen. Gleichfalls ihre Partien subtil formend - Marlene Lichtenberg mit eindringlichen Mezzosopran als Engel und Alastair Miles mit imponierendem Bass als Priester sowie als Todesengel.

 Auch die Dresdner Philharmonie und ihr Gastdirigent Neville Marriner erwiesen der britischen Tonkunst Reverenz. Da konnte man von Ralph Vaughan Williams (1872-1958), Englands bedeutendstem Sinfoniker des 20. Jahrhunderts, „Five Variants of ,Dives and Lazarus’“ - fußend auf volkstümlichen Festgesängen - kennenlernen. Die in Marriners Lesart einen weichen, fast impressionistischen Klangcharakter entfalteten. Und in Hamilton Hartys (1879-1941) d-Moll-Violinkonzert begegnete man einem klangsinnlichen wie auch burlesken Virtuosenstück, für das sich Konzertmeister Wolfgang Hentrich engagierte. Zum Finale Mendelssohns interpretatorisch fein ausgeleuchtete 3. Sinfonie, die des Tondichters von der schottischen Landschaft empfangenen Eindrücke offenbarte.

 Geradezu symbolträchtig war die Aufführung von Benjamin Brittens (1913-1976) „War Requiem - zumal im Jahr des 100. Geburtstages des Orpheus Britannicus. Vor 51 Jahren zur Neueinweihung der im 2. Weltkrieg zerstörten Kathedrale von Kiels Partnerstadt Coventry mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra uraufgeführt, war das beeindruckende Werke mit demselben Klangkörper nun in der wiedererstandenen Frauenkirche zu erleben. Ein musikalisches Zeitdokument, dessen lateinischen Liturgietext Britten mit den das Kriegsmassaker schonungslos reflektierenden Gedichten Wilfried Owens konfrontierte. Faszinierend und aufwühlend zugleich, wie Andris Nelsons mit seinem Orchester und dem ihm angeschlossenen Chor sowie dem Mädchenchor Hannover die so konträren Ausdrucksebenen - changierend zwischen beschwörender Anklage und eindringlichen Flehen - spannungsvoll ausformte. Geradezu erschütternd die Versöhnung imaginierende Szenen der einstigen Gegner. „Ich bin der Feind, den du getötet hast, mein Freund“ - von dem Tenor Mark Padmore und dem Bariton Hanno Müller-Brachmann mit atemberaubender Intensität gestaltet. Bestehend auch die Sopranistin Erin Wall, die mit berührendem Ausdruck das Solistentrio ergänzte. Ein Höhepunkt des Festivals.

 Der Jubilar Britten stand auch im Zentrum des von Hartmut Haenchen geleiteten Gastspiels des Königlich-Philharmonischen Orchesters Stockholm. Für den gebürtigen Dresdner Dirigenten ein außergewöhnlicher Abend, hatten doch die Festspiele ihren ehemaligen Intendanten anlässlich seines 70. Geburtstages eingeladen. Bei Brittens Opus „Lachrymae“. Reflections on a song of John Dowland“ für Viole solo und Streichorchester op. 48 a (1976) war zudem die herausragende Bratscherin Tabea Zimmermann mit von der Partie. Faszinierend, welch vielfältige Ausdrucksvaleurs die Solistin in den geisterhaften, traumhaft-geheimnisvollen zwölf Variationen zum Klingen brachte.

 Betonte Haenchen in Haydns eingangs gebotener Londoner Sinfonie Nr. 95 c-Moll den Gegensatz von leidenschaftlicher Dramatik und eleganter Transparenz, so spannte er mit den Stockholmern in Schuberts vielgestaltiger großer C-Dur-Sinfonie einen beeindruckenden Bogen vom signalhaften Hörnerprolog über gefährliche Brüche und Abgründe bis hin zum heroischen Finale.

 Mit dem Philharmonia Orchestra London unter seinem finnischen Chefdirigenten Esa-Pekka Salonen beehrte Großbritanniens wohl bedeutendster Klangkörper das Dresdner Musenfest. Erfreulich, dass die Briten mit Witold Lutoslawskis „Trauermusik für Streichorchester“ (1957/58 zum Gedenken an Béla Bartók entstanden) an den 100. Geburtstag des bedeutenden polnischen Komponisten erinnerten. Eine Trauer, Aufbegehren und Verzweiflung artikulierende Komposition, in ihrer strengen Konstruktion von den Musiker intensiv ausgedeutet. Dass die Gäste von der Themse dynamisches, energiegeladenes, gleichwohl kontrolliertes Musizieren auf ihre Fahnen geschrieben hatten, zeigte sich schon in Beethovens 7. Sinfonie, zumal im Finalsatz. Ein von Vitalität bestimmtes Spiel, das dann in Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ - anlässlich der 100. Wiederkehr der Pariser Uraufführung ins Programm genommen - ungeahnte rhythmische, auch dämonisch-bedrohliche Kräfte entfesselte, die das Auditorium geradezu in den Bann schlugen.

 Dass Intendant Jan Vogler das Festspielmotto nicht nur geographisch bezogen sieht, sondern im übertragenen Sinn auch als weltweite Präsenz abendländischer Musik versteht, zeigte auch das Programm der von Chefdirigent Alan Gilbert geleiteten New Yorker Philharmoniker. Die nach ihren Gastspielen zur Wiederöffnung der Frauenkirche 2005 und dem Festspielauftritt vor zwei Jahren fast schon Stammgäste in Dresden geworden sind. Und die mit ihrer diesjährigen Programmfolge - den Bogen spannend von Mozarts „Linzer Sinfonie“ über Blochs „Schelomo“ bis hin zu Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ in der Orchesterfassung von Ravel - zur Toleranz und zu Dialog aufrufende Werke im Gepäck hatten. Wobei Ernst Blochs (1880-1959), des schweizerisch-amerikanischen Komponisten, vielschichtige Hebräische Rhapsodie „Schelomo“ für Violoncello solo und großes Orchester im Blickfeld stand. Das Werk - 1915/16 geschrieben als eine Reflexion des Kriegsgeschehens, in seiner Tonsprache sich zwischen Spätromantik und Moderne bewegend, und dabei jüdische Elemente einbeziehend - zeichnet gleichsam ein Porträt des weisen biblischen Königs Salomo. Und gestaltet so eine Vision vom Empire des israelischen Herrschers und dessen Anschauung. Vom Glanz seines Reiches und von Sinnenfreude erzählt die farbintensive, kontrastreiche Tonschöpfung ebenso wie von Mühen und Zweifel am Sinn des Lebens. Zunächst als Komposition für Bariton solo und Orchester konzipiert, hat das Cello geradezu verkündigungshafte Sprachgewalt. Solist Jan Vogler vermochte zusammen mit dem Orchester die unterschiedlichsten Ausdrucksfacetten - Klage, Aufschrei, Meditation, Verzweiflung - differenziert Klang werden zu lassen. Ein aufwühlendes Werk.

 „Empire“, das Leitthema der Festspiele gewiss im Vordergrund, huldigte gleichwohl Dresdens Staatskapelle ihrem einstigen Kapellmeister und diesjährigen Jubilar gleich mehrfach. Mit der Aufführung des „Liebesmahls der Apostel“, einer biblischen Szene für Männerstimmen und großes Orchester, in der Frauenkirche beschwor die Kapelle unter Christian Thielemann gar eines der außergewöhnlichsten Kapitel der Dresdner Musikgeschichte. Hatte doch der Dichterkomponist 1843 das Werk persönlich in jenem Gotteshaus aus der Taufe gehoben. Die etwa 300 Christen der Gedenkaufführung aus Dresden, Leipzig, Prag und Brünn, verteilt auf verschiedenen Ebenen, entfalteten im Verein mit der Kapelle einen überwältigenden Raumklang, der schon Wagner so beeindruckt haben muss, dass er ihn später im „Parsifal“ einzusetzen trachtete. Hier bewahrheitete sich einmal mehr Dresdens Slogan „Wo Wagner Wagner wurde“.

 Und eine Soirée der Staatskapelle in der Semperoper ließ neben dem Gefeierten auch den diesjährigen Capell-Compositeur Hans Werner Henze zu Wort kommen. Zum Auftakt erklang da das Siegfried-Idyll, mit bestechender Klangsensibilität dargeboten von einem Kammerensemble der Kapelle unter dem noch jungen Christoph König. In dem Opus „Richard Wagnersche Klavierlieder“, von Henze 1998/99 für Mezzosopran, Bariton, Chor, Orchester gesetzt, begegneten sich gar die beiden Genien. Mit welch tonkünstlerischem Einfühlungsvermögen, welch feiner Ironie entwickelte Henze aus ursprünglichen Klavierliedern Vokalstücke mit Orchesterbegleitung. Antigone Papoulkas und Markus Butter sowie der Staatsopernchor leuchteten in beglückendem Zusammengehen mit den spielfreudigen Instrumentalisten den zwischen Ernsthaftigkeit und Komik pendelnden Gedankenreichtum dieser Wagner-Annäherungen subtil aus. Wie reflektierte doch Henze: „Bei der Arbeit habe ich immer gedacht, ... was der Große wohl ... gesagt hätte, wenn er meiner Interventionen, meiner Ein- und Zugriffe gewahr geworden wäre.“ Dietrich Bretz

 www.musikfestspiele.com