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Kultur Die Landschaft zum Klingen bringen
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15:22 31.07.2019
Von Jürgen Gahre
Stargeiger Gidon Kremer sorgte für den ersten Höhepunkt des Festivals.
Stargeiger Gidon Kremer sorgte für den ersten Höhepunkt des Festivals. Quelle: Kay-Christian Heine
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So ist es wohl auch zu erklären, dass schon das Eröffnungskonzert die Kammermusikfreunde auf eine harte Probe stellte, indem es auf populäre Werke verzichtete und sich statt dessen auf Lieder von dem persönlich anwesenden Aribert Reimann (*1936) und das zweite Streichquartett von Arnold Schönberg beschränkte. Mit expressiver Gestik und klarem, lichtvollem Sopran konnte Sarah Maria Sun, die sich auf die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts spezialisiert hat, den Heine-Vertonungen von Reimann ein Höchstmaß an Raffinement abgewinnen. Aber auch die romantische Seite der Kompositionen kam nicht zu kurz: dafür sorgte das Kuss Quartett, in dem Oliver Wille die zweite Geige spielt. Auch die sieben zwischen den Liedern eingeschobenen „Bagatellen“ für Streichquartett wurden von den vier Küssen so feinsinnig interpretiert, dass sie zusammen mit den Liedern ein harmonisches Ganzes ergaben.

Du lieber Augustin und die Geburt der Zwölftonmusik

Nunmehr war das Publikum bestens auf die von Schönberg evozierte „Luft von anderen Planeten“ vorbereitet. Das Kuss Quartett breitete zunächst einen komplexen Klangteppich im zweiten Streichquartett op. 10 aus, um dann im Scherzo das Altwiener Lied „Oh du lieber Augustin...Alles ist hin“ zu zitieren. Was für ein köstlicher Moment, unvermittelt diese einfache Melodie zu hören! Damit überschritt Schönberg 1908, als das Quartett uraufgeführt wurde, in der Tat „Grenzen“, wurde doch auf diese skurrile Art die Aushebelung des Dur/Moll-Systems und das Ende „musikalischer Verlässlichkeit“ angekündigt: Die Zwölftonmusik war geboren!

Das Kuss Quartett und Sarah Maria Sun gaben ihr Bestes, um dem musikhistorisch so einschneidenden Augenblick gerecht zu werden: In den folgenden Sätzen 3 und 4 die beiden Gedichte „Litanei“ und „Entrückung“ von Stefan George in ihrer Interpretation zu hören, war beglückend, konnte man doch glauben, die „Luft von anderen Planeten“ zu spüren. Die epochale Bedeutung dieses Werkes wurde mustergültig erfahrbar! Das Publikum wusste die hohe Qualität der Darbietung zu schätzen und applaudierte kräftig. Leider aber war so manch ein Platz leer geblieben. Viele Festival-Besucher vermissten offensichtlich ein populäres Schmankerl und waren dem nachmittäglichen Eröffnungskonzert fern geblieben.

Aberwitzig virtuos: Cellist Stefen Isserlis

Das änderte sich am Abend, als der berühmte britische Cellist Stefen Isserlis zusammen mit der kanadischen Pianistin Connie Shih im fast ausverkauften VERDO Konzertsaal auftrat. Nach der für Cello transkribierten Gambensonate D-Dur von Johann Sebastian Bach spielte Isserlis Solowerke von György Kurtág (*1926), die ihm offensichtlich am Herzen liegen. Dem routiniert und fast lieblos vorgetragenen Bach die kurzen Kurtág-Stücke folgen zu lassen, war auch interpretatorisch ein enormer Kontrast, denn hier ging Isserlis in die Tiefe, hier spürte man deutlich, wie engagiert er persönlich war. Besonders bei dem Stück „Stefen Isserlis 60“, das – der Titel sagt es – ein Geburtstagsgeschenk des Komponisten war.

Man hätte Robert Schumanns späte Violinsonate d-Moll gerne im Original gehört, denn die Transkription für Cello tat dem herrlichen Werk nicht gut. Isserlis schien das selbst gemerkt zu haben, denn sein überdreht engagiertes Spiel verdeckte die Poesie der Sonate und mündete immer wieder in virtuosem Auftrumpfen. Brillante Effekte waren dann allerdings sehr wohl angebracht in „Lieux retrouvés“ von dem englischen Komponisten Thomas Adès, der hier dem Cellospieler aberwitzige Virtuosität abverlangt. Isserlis hat alle spieltechnischen Hürden mit Bravour genommen und konnte so dem Stück atemberaubende Wirkungen abgewinnen.

Auf Kammermusik-Reise durch die Elbtalauen

Seit vielen Jahren gibt es die schöne Tradition, an einem Tag des Festivals mit den Kammermusik-Freunden auf Reisen zu gehen. Einerseits lernt man die lieblichen Elbtalauen und die umliegenden Städtchen kennen und andererseits hört man Musik an ungewohnten Orten. In Dannenberg ging das Aoi Klaviertrio in einer Fabrikhalle mit „Intarsien in GleichZeit, sich wandelnd, zerfließend...“, einer Komposition von Ernst Helmuth Flammer, in Extrembereiche musikalischer Aussagemöglichkeiten, was nicht wenige im Publikum als Grenzerfahrung empfunden haben.

In einem historischen Karstadt-Kaufhaus in Dömitz nahm Clemens von Reusner das Publikum mit seinem „draught“ betitelten elektroakustischen Werk mit auf eine Reise zur Elbe, in die Klanglandschaft im Inneren des Flusses. Das etwa 20-minütige, „draught“ betitelte Werk eröffnete faszinierende, die Fantasie beflügelnde Klangwelten. Wer es traditioneller und romantisch liebte, der kam in der barocken Schlossanlage der gräflichen Familie von Barnstorff in Gartow voll auf seine Kosten: in der beeindruckenden Schlosskirche konnte außer kleinen Werken von Mark Glentworth und Babette Koblenz die Orgel bewundert werden, und im stimmungsvollen Schlosssaal wurde das Trio „Baumgrenze“ von Hans-Christian von Dadelsen vom Ensemble Biloba uraufgeführt.

Das Originelle an dieser Musikrundreise war, dass alle besuchten Komponisten im Wendland zu Hause sind und – das kann man wohl sagen – die Landschaft in ihren Werken zum Klingen bringen, jeder auf seine sehr individuelle Art. Die einsame Weite dieser dünn besiedelten Gegend und das in Gorleben immer wieder unter Beweis gestellte Durchhaltevermögen der hier lebenden Menschen macht sich in den Werken dieser Komponisten bemerkbar, wenn man genau hinhört. Beim ersten Hören sind sie gewiss nicht leicht zugänglich, aber man spürt, dass sie sich öffnen würden, wenn man sich häufiger mit ihnen beschäftigen würde.

Höhepunkt mit Geiger Gidon Kremer

Für viele war der Auftritt des großen Geigers Gidon Kremer ein erster großer Höhepunkt des Festivals. Gemeinsam mit der Cellistin Giedre Dirvanauskaite und dem Pianisten Georgijs Osokins begann er sein Programm mit Werken von Mieczysław Weinberg. Er tat das mit geradezu missionarischem Eifer und entsprechend großer Leidenschaft, denn seitdem er vor gut zehn Jahren die Qualitäten des vor genau einhundert Jahren in Polen geborenen Komponisten entdeckt hat, kommt er von Weinberg nicht mehr los. Jedes neu entdeckte Werk, sagte er in einem Gespräch mit der Journalistin Eleonore Büning, sei für ihn eine immense Bereicherung. Wie sehr er Weinberg liebt und wie intensiv und in die Tiefe gehend er ihn spielt, das bewies er mit einer Sonate für Violine solo, op. 95, und der 6. Violinsonate, op. 136.

Nach Weinberg dann Beethoven mit dem schwärmerisch-jugendfrischen Tripelkonzert in der Fassung für Klaviertrio von Carl Reinecke. Ein „echtes“ Beethoven-Klaviertrio wäre sicherlich dieser Bearbeitung vorzuziehen gewesen, aber die drei Musiker spielten fein austariert und mit so großer Begeisterung, dass der Funke schnell auf das Publikum überspringen konnte. Bis zum Ende der Sommerlichen Musiktage am Sonntag, dem 4. August werden noch so manche kammermusikalische Leckerbissen aufgetischt, die, das darf man wohl voraussagen, den weitgespannten Publikumsgeschmack befriedigen werden.

www.musiktage-hitzacker.de T +49 5862 941 430

Sommerliche Musiktage Hitzacker