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Kultur Jens Eisel über Hamburg und Lesen
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10:00 23.06.2017
Von Ruth Bender
Seine Helden sind Boxer, Autoschrauber, Lagerarbeiter: Schriftsteller Jens Eisel (Jahrgang 1980). Quelle: Melina Moersdorf
Hamburg

Im Grunde haben Sie Hamburg schon zwei Bücher gewidmet, den 2015 erschienenen Kurzgeschichtenband „Hafenlichter“ und jetzt den Roman „Bevor es hell wird“. Wie wichtig ist der Ort für Ihre Geschichten?

Hamburg ist die Stadt in der ich lebe und die ich am besten kenne. In Hafenlichter ist der Bezug sehr konkret, da gibt es Straßennamen und Kneipen. Das ist ganz klar in St. Pauli verortet. Bei Bevor es hell wird weiß man aber gar nicht so genau, wo das spielt. Natürlich beziehe ich mich auf Ottensen, wo ich wohne, das ja auch ziemlich vibriert. Aber ich glaube, die Geschichte könnte auch anderswo spielen.

Sie sind selbst im Saarland geboren und aufgewachsen – was hat Sie nach Hamburg verschlagen?

Im Saarland war es mir damals einfach zu eng. Hauptschule, Lehre - ich wollte da einfach weg, habe nach einer individuelleren Lebensform gesucht.

Warum ist es nicht München oder Köln geworden?

Eher nicht. Es hat schon mit dem Norden, dem Hafen und der Nähe zum Meer zu tun. Der Hafen ist der Grund dafür, dass die Stadt so liberal und offen ist. Das mag ich.

Auch die Romanhelden Alex und Dennis kommen von außen nach Hamburg und finden so etwas wie Heimat. Wie sind Sie auf die Geschichte gekommen?

Ich fand es reizvoll, eine Geschichte zu schreiben über zwei Figuren, die die gleiche Ausgangssituation haben, aber dann auf die Schicksalsschläge, die ihnen widerfahren, ganz unterschiedlich reagieren. Das war der Ausgangspunkt. Und dann gab es in meiner Kindheit im Saarland an der Schule zwei Cousins, die kamen aus schwierigen Verhältnissen. Die sind abends immer zusammen an der Bahn lang gelaufen, und eines Abends ist einer von ihnen unter den Zug gekommen. Das war das erste Mal, dass ich so unmittelbar mit dem Tod konfrontiert wurde. Und es hat mich nachhaltig beschäftigt; ich habe lange darüber nachgedacht, wie man die Geschichte aufschreiben könnte. Aber eins zu eins funktioniert das natürlich nicht.

Alex und Dennis sind Brüder und stehen sich sehr nah. Wie bedeutend war diese familiäre Nähe für die Geschichte?

Für den Plot war so eine Ambivalenz wichtig: Sie sind sich zwar eigentlich nah, aber gleichzeitig können sie nicht miteinander reden, das, was sie erlebt haben, verarbeiten.

Ihre Helden sind bisher alle Boxer, Autoschrauber, Krankenpfleger – was interessiert Sie an den sogenannten „einfachen“ Leuten?

Sie sind alle Bestandteil dieser Gesellschaft. Vielleicht kommen die kleinen Leute in der Literatur nicht so häufig vor – aber ich komme eben auch daher und habe immer viel Kontakt zu diesen Menschen gehabt. Ich habe eben auch nur einen Hauptschulabschluss und eine Lehre als Schlosser gemacht, auch als Krankenpfleger und im Lager gearbeitet. Ich sehe meine Figuren gar nicht als Randmenschen. Sie waren Teil meiner Welt, und es war einfach naheliegend, darüber zu schreiben.

Sie sagen, Sie haben einen Bezug zu diesen Menschen, welche Rolle spielt Recherche noch für Sie?

Ich recherchiere ziemlich viel, auch wenn ich es oft gar nicht unmittelbar verwende. Es geht mehr um die Stimmung oder darum, sich ein Gefühl anzueignen. Dass Alex in einer Autowerkstatt arbeitet, liegt daran, dass ich selber Autos mag, daran schraube und mich ganz gut auskenne. Trotzdem habe ich drei Tage in der Werkstatt gearbeitet - weil ich wissen wollte, wie so ein Arbeitstag läuft. Auch über Bundeswehr und Afghanistan-Einsatz habe ich viel recherchiert. Ich war selbst nicht bei der Bundeswehr, und mich hat das schon lange beschäftigt: Warum macht das jemand, nach Afghanistan gehen? Kann einem das in gewissen Lebensphasen auch einen Halt geben?

Dem Roman haben Sie ein Zitat aus Sebastian Schippers Film „Absolute Giganten“ vorangestellt. Auch ein Kleine-Leute-Film.

„Absolute Giganten“ mag ich sehr. Auch weil der Film ein ganz anderes Hamburg zeigt, als die meisten kennen. Und mit Bevor es hell wird habe ich auch versucht, die Geschichte in dieser Welt spielen zu lassen. Und ich arbeite schon lange daran, bis es für mich richtig klingt.

Im Buch kommen viele Themen zusammen: Bruderliebe, Schicksalsschläge und Erwachsenwerden.

Es geht um eine Familie, die sehr haltlos durchs Leben gegeistert ist und nun erstmals einen Ort findet, an dem sich alle wohlfühlen. Und an dem sie auch zum ersten mal in sozialen Strukturen verankert sind. Ich denke, das könnte überall passieren, aber Dennis, Alex und ihrer Mutter ist es eben in Hamburg passiert.

Alex hat eine heftige Geschichte zu bewältigen – die Armut, den Tod der Mutter, den von Afghanistan traumatisierten Bruder. Es gibt aber auch viele helle Momente.

Ja, mir ging es in dem Buch um das Prinzip Hoffnung. Ich habe da versucht, zwei Dinge gegeneinander zu stellen. So etwas wie Schicksal und die Menschlichkeit. Alex und seiner Familie passieren schlimme Dinge, aber es gibt ein soziales Netz, dass sie zumindest teilweise auffangen kann. Das mag ich auch am Schreiben, dass ich sie als Autor quasi retten kann.

Hat sich diese realistische Erzählweise von selbst ergeben, oder gibt es Vorbilder, denen Sie nacheifern?

Mich hat dieser knappe karge Stil immer schon gereizt, weil ich glaube, dass der Leser immer viel mehr von sich da  hinein gibt, als wenn man sehr genau und detailliert beschreibt. Jeder hat ja im Hintergrund seine eigene Biografie, die die Lektüre dann einfärbt. Lustigerweise finden viele, dass ich sehr genau beschreibe – aber eigentlich tue ich das gar nicht. Zumindest versuche ich eher eine Unschärfe.

Haben Sie Vorbilder?

Hemingway finde ich großartig. Der begleitet mich schon sehr lange. Und er hat ja damals das Erzählen in gewisser Weise neu erfunden – indem er Lücken und Leerstellen gelassen hat.

Wie sind Sie auf Hemingway gestoßen?

Ich habe erst spät angefangen zu lesen. In der Hauptschule hat Literatur nie eine Rolle gespielt. Auch zu Hause nicht. Irgendwann, da war ich 17, ist mir Der Fänger im Roggen in die Hände gefallen. Und der hat mich schon sehr erwischt. Dann kam Hemingway, den habe ich richtig durchgearbeitet. Ich habe dann auch Hesse und Böll gelesen, aber hauptsächlich waren es die Amerikaner, an denen ich hängen geblieben bin. Und Hemingway war der Größte.

„Bevor es hell wird“ klingt sehr poetisch. Wann hatten Sie diesen Titel im Kopf?

Der war schon sehr früh da. Er fasst zusammen, was Alex erlebt.

Wann schreiben Sie? Gibt es einen Stundenplan?

Ich schreibe ganz anders, als ich mir vorgestellt habe, wie ich schreiben würde. Früher, als naiver 18-Jähriger hatte ich diesen fernen Traum vom Schreiben und dachte, man schreibt mal eine Nacht durch und dann wieder ein paar Tage nicht. Aber jetzt habe ich schon einen festen Arbeitsrhythmus, setze mich morgens an den Schreibtisch.

War der Traum vom Schreiben schon vor dem Lesen da, oder ist er dadurch entstanden?

Auf jeden Fall ist er dadurch entstanden. Ich habe Literatur entdeckt in einer Zeit, in der es mir selbst nicht so gut ging. Und in der Literatur hatte ich immer das Gefühl, Gleichgesinnte zu finden. Dass es da Leute, Autoren gibt, die die Welt auf eine ähnliche Weise sehen wie ich.

Jens Eisel: Bevor es hell wird. Piper Verlag, 208 Seiten.

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