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Kultur Neues Buch von Stephan Grünewald: So tickt Deutschland
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06:24 05.03.2019
Stephan Grünewald, ein möglicher Coach der Nation. Quelle: Maya Claussen
Berlin

Parteienforscher legen die Innereien des politischen Betriebs offen, Politologen analysieren Entscheidungsprozesse, Machtkonstellationen und Interessenkonflikte. Der Psychologe geht noch einen Schritt weiter. Er fragt nach den Motiven hinter den Motiven gesellschaftlicher Entwicklungen, an denen wir unmittelbar teilhaben. Deshalb geben seine Antworten auch Aufschluss über uns selbst. Das macht den Charme auch des neuen Buchs von Stephan Grünewald aus.

Indem er uns sagt, „wie Deutschland tickt“, erklärt er uns, wie wir selber ticken. Dabei erweist sich Grünewalds „Wir“ nicht als dreistes Planieren eines zerklüfteten sozialen Reliefs, auf dem der Autor dann schnell sein Gedankengebäude hochziehen könnte. Vielmehr setzt Grünewald darauf, dass es bei aller Unterschiedlichkeit von persönlichen Lebenslagen und Einstellungen gemeinsame Muster, kollektive Prägungen gibt.

Ein Problem von Deutschland: Digitaler Größenwahn

Grünewald hat für seine Psycho-Analysen eines „aufgewühlten Landes“ und für seine originellen, auch sprachlich souverän präsentierten Befunde einen entscheidenden Vorteil: Sie beruhen auf Tausenden Tiefen-Interviews seines Kölner „rheingold“-Instituts für qualitative Markt- und Medienforschung.

Nicht von ungefähr stehen die Kapitel über den Verlust des „inneren Kompasses“ und den „digitalen Größenwahn“ als Problemanzeige im Zentrum des Buchs. Sie gehören zweifellos zum Erhellendsten, was seit dem Aufkommen von Begriffen wie „German Angst“ und „Wutbürgertum“ über die Befindlichkeiten der Deutschen geschrieben worden ist. Grünewald zeigt auf, wie die „entfesselte Beliebigkeit“ einer von Ideologie- und Moraldiktaten befreiten Gesellschaft umschlägt in ein Gefühl von Haltlosigkeit. Das Mängelwesen Mensch halluziniert sich mit Hilfe des Smartphones in Tagtraumfantasien der Allwissenheit, der Allmacht und der Selbstperfektion im digitalen „AppSolutismus“. Doch unausweichlich folgt das Erwachen in der analogen Ohnmacht mit einem Kater, gegen den es kein Alka Seltzer gibt. „Wir werden unser Menschenbild ändern müssen“, das ist Grünewalds vielleicht steilste Schlussfolgerung.

Geht es uns besser, als wir denken?

In stimmiger Korrespondenz hierzu stehen Studien über Männer, Mütter sowie Kindheit und Jugend. Aus den Rollenverunsicherungen des Einzelnen ergeben sich so umstandslos wie folgerichtig Erklärungen für die politischen Verwerfungen im „Auenland“. Diese oft verwendete Bezeichnung hat Grünewald bei J.R.R. Tolkien entlehnt. Mit sanfter Ironie will er sagen: Es geht uns gut; besser, als wir denken. Aber jenseits von Auenland droht „Grauenland“ (eine Grünewaldsche Wortschöpfung) – mit allerhand tatsächlichen und vermeintlichen Gefahren: Globalisierung, Digitalisierung, Islamismus, Terror, Krieg… Passend zur Entstehungszeit des Buchs stellt Grünewald besonders auf die weltweiten Migrationsbewegungen ab, die bei uns – buchstäblich – als „Flüchtlingskrise“ angekommen sind. Diese habe, wie Grünewald einleuchtend erklärt, „das Unfassbare, das schon lange unser Auenland bedroht, fassbar“ gemacht.

Abschottung, Abwehr und Ablenkung bringen nichts, sagt Grünewald. Wüstes Merkel-Bashing hält er erst recht für ein untaugliches Mittel der Problembewältigung. Er zeigt aber auf, warum es dazu kam: Als „Mutter Merkel“ die zur Raute – als „Sinnbild fürsorglicher Umgrenzung der Republik“ – geformten Hände öffnete und die Arme für Flüchtlinge ausbreitete, fragten die Menschen in Deutschland irritiert und gekränkt: „Wen liebt die Mutter eigentlich wirklich? Die eigenen Kinder oder die fremden Kinder, die jetzt unsere Turnhallen bewohnen?“

Von „Grauenland“ und „Trauenland“

Höchst bedenkenswert ist die Warnung an die tolerante, durchlässige Gesellschaft, bei der Abwehr äußerer und innerer Gefahren die mit ihnen verbundenen Ängste weder kleinzureden noch zu verteufeln. „So wunderbar der liberalen Gesellschaft die Differenzierung zwischen Islam und Islamismus gelingt, so versagt sie derzeit bei der Differenzierung zwischen verängstigten Bürgern und Rechtsradikalen, zwischen Gartenzwerg und Giftzwerg.“

Aus „Grauenland“ aber kann und soll „Trauenland“ werden – eine Welt der Chancen und Möglichkeiten. Eine Hilfestellung dazu bietet Grünewald im Schlussteil seines Buchs. Unter anderem plädiert er für den Mut zum Streit und zum Perspektivwechsel. Auch forciert er das Ausbrechen aus dem deutschen Zweckpessimismus einer „ewigen Gegenwart“, in der angesichts mutmaßlicher Verschlechterungen am besten alles so bleibt, wie es ist. „Jedem Anfang wohnt ein Zauder inne“, frotzelt Stephan Grünewald, wendet seine Hesse-Verballhornung aber sogleich ins Konstruktive: „Der schöpferische Zweifel kann im besten Sinn ein Motor sein, der den Einzelnen und das Land immer wieder antreibt.“ Mit seinem Buch steht Grünewald als Coach der Nation bereit.

Zur Person

Der Diplom-Psychologe Stephan Grünewald, geboren 1958, ist Mitbegründer und Geschäftsführer des Kölner „rheingold“-Instituts für qualitative Markt- und Medienforschung.

Sein neues Buch „Wie tickt Deutschland? Psychologie einer aufgewühlten Gesellschaft“ kommt am Mittwoch in den Buchhandel. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 318 Seiten, 20 Euro.

Von Joachim Frank

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