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Kultur Überbordend in Tragik und Traum
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16:03 02.12.2019
Von Ruth Bender
Melancholische Familienaufstellung: Mutter Wingfield (Patrizia Frizia) und auf dem Tisch die Geschwister Tom (Felix Paquet) und Laura (Alina Cojocaru). Quelle: Markus Scholz
Hamburg

Da sind die Schritte, die wirken wie festgehalten. Ausgreifende Beinbewegungen, die im Nichts hängenbleiben. Auf der Stelle eilende Füße, ungeduldiges Scharren. Und immer wieder öffnen sich die Körper nach außen, in die Welt, bevor sie sich zurückdrehen, furchtsam einkapseln wie Mimosen. Beides schwingt in diesem Tanz: die Welt, die die Figuren zurückstößt, auf Distanz hält, und sie selbst, die sich ihr nicht stellen können.  

Verzweifelt bewegter Stillstand

Es ist ein ewiges Anlaufnehmen und Stagnieren, in das John Neumeier in seinem neuen großen Ballettabend an Hamburgs Staatsoper Tennessee Williams‘ autobiografisch gefärbten Bühnenklassiker Die Glasmenagerie (1944) verstrickt. Und die sehnende, seltsam statische, dann wieder wütend dissonante Musik von Charles Ives, die Wiederholungsschleifen von Philip Glass sind mit etwas Dancehall der perfekte Soundtrack für den verzweifelt bewegten Stillstand, in dem sich die Geschwister Tom und Laura Wingfield und ihre Mutter Amanda umeinander und um sich selber drehen.

In das Familientrio hat Neumeier die Figur des Autors eingewoben – ein Motiv, das der Choreograf  immer wieder durchspielt: der Künstler, der sich in seinen Figuren spiegelt. Edvin Revazov spielt und tanzt diesen Tennessee Williams mit dunkler Lockenperücke als fremden Wanderer in der Welt. Und er ist als Toms Doppelgänger in verhaltener, wunderbar klarer Bewegung Beobachter und Spielmacher zugleich.

Slapstick und Zivilisationskritik

Erstaunlich, wie eng die Bühne wird mit den Versatzstücken eines maroden Häuschens, das verloren wie eine Studiokulisse herumsteht und vom prekären Leben der Wingfields erzählt. Und vor dem eine transparente Wand mal die Welt aussperrt, mal die Splitter von Lauras geliebten Glastierchen schweben lässt. Neumeier – einmal mehr auch sein eigener Lichtdesigner, Bühnen- und Kostümbildner – malt darum die schwermütigen Erinnerungsbilder, die Williams seinem Protagonisten Tom eingeschrieben hat. Die Sehnsucht nach dem anderen, wenn Neumeier hier mal ganz explizit die Last der versteckten Homosexualität vorführt. Die Tretmühle der Lohnarbeit, die auch ein heutiger Paketdienst sein könnte. Die dressierten Schreibfräulein an ihren Maschinen, zu denen die fantasiebegabte, aber körperlich eingeschränkte Laura keinen Zugang findet. Bilder, in deren absurder Mechanik sich nicht nur der Slapstick des Stummfilms, sondern auch ein Ansatz von Zivilisationskritik spiegelt.

Starke Riege der Solisten

Das Hamburg Ballett zeigt sich dabei in seiner ganzen Variationsbreite, mixt Step und Swing, Spitze und die zersplitternde Bewegung, in die Neumeier die Figuren immer wieder ausbrechen lässt. Und Hamburgs gut auf die Moderne getunte Philharmoniker bringen das Wüten und Sehnen unter Simon Hewett vielfältig sensibel zum Ausdruck.

Daneben glänzt eine Reihe so starker wie unterschiedlicher Solisten: Patricia Friza eine traurig überspannte Amanda, Felix Paquet ein melancholisch verstörter Tom, Christopher Evans als ungestümer Lover Jim, der von beiden Geschwistern begehrt wird. Schade, dass Alina Cojocaru, Gastballerina vom Royal Ballet, als Laura allzu oft in der Leidensfigur eingesperrt bleibt. Aber wenn Evans sie in aufregender Hebung fliegen lässt oder sie sich lebenswütig freitanzt, zwischen Spitzenschuh und Humpelabsatz zur schwebenden Balance findet, dann wird die ganze Energie von Laura spürbar.  

Geflecht aus Tag, Tragik und Traum

Ein vor Bildideen überbordender Abend ist das - und das ist das Wunderbare und die Krux an der Produktion, die sich nach der Pause arg ins Melodram verliebt. Immer wieder sind da Bewegungsfolgen und Szenen, in denen Neumeier sich selbst in die Parade fährt, die Figuren unauflöslich verschlingt, die Eleganz mit ungestümer Wildheit bricht. Den Ballettintendanten hat das Stück, so berichtet er im Programmheft, umgetrieben, seit er es mit 17 Jahren auf der Schulbühne gesehen hat. Und wie er die Ebenen von Musik, Tanz, Schauspiel und Bühne verschmilzt, ergibt ein komplexes Geflecht aus Tag, Tragik und Traum. Die Geschichte einer existenziellen Verlorenheit und von Figuren, die keine Möglichkeit finden, sich selbst auszuleben.

Staatsoper Hamburg. 26., 30., 31. Januar. Kartentel. 040/356868, www.hamburgballett.de 

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