Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kultur Der Sturm des Bösen und magische Speisen
Nachrichten Kultur Der Sturm des Bösen und magische Speisen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:45 01.11.2019
Von Ruth Bender
Den Ernst des Lebens nimmt der Film „Aurora“ mit Witz und einer starken Hauptdarstellerin (Mimosa Willamo, Mitte). Quelle: NFL
Lübeck

In Grönland gibt es viele Worte für den Wind. Den Sturm des Bösen und die leichte Brise, die über den Fjord weht und das pure Glück bedeutet. So erklärt Filmregisseurin Pipaluk Kreutzmann Jorgensen den Titel ihres Filmdebüts „Anori“, der auch der Name ihrer Protagonistin ist. Eine Liebesgeschichte hat die Grönländerin zu erzählen, zwischen der Musikerin Anori und Inuk von der Küstenwache. Bis der bei einem Einsatz leblos aus dem Eismeer der Arktis geborgen wird. 

Martial Arts trifft Grönlands Tradition

Was in lichter Romantik vor dem weiten Horizont Grönlands beginnt, verdunkelt und verengt sich zusehends im nächtlichen New York, in der die Regisseurin auch eine Geschichte von Verrat und männlicher Gewalt enthüllt. 

Sie habe die Geschichte unbedingt erzählen wollen, sagt Pipaluk Kreutzfeldt im Kino, auch weil sie selbst damals in einer gewalttätigen Beziehung gelebt habe. Die 38-Jährige verpackt sie in ihren eigenen Mythos, verbindet Martial Arts und Superhelden-Motive mit grönländischer Tradition zu flirrenden Traumsequenzen. 

Was Verstellung und Bespitzelung anrichten

Der dunklen Seite der Welt begegnet man immer wieder bei den 61. Nordischen Filmtagen - und gar nicht mal nur im Krimi. „Die Spionin“ ist zwar ein Thriller, der hochspannend von der Verstrickung der norwegischen Filmdiva Sonja Wigert in die geheimdienstlichen Wirren des Zweiten Weltkrieges erzählt. Aber Hauptdarstellerin Ingrid Bolso Berndal lässt auch verstörend spüren, wie Verstellung und Bespitzelung die Heldin verändern.  

In „Pferde stehlen“ bricht das Dunkel eher schicksalhaft in den Kindheitssommer ein, den Trond 1948 beim Vater im Grenzland von Schweden und Norwegen erlebt. Und sie verdüstert die Unbeschwertheit des Jungen, der hier seine Unschuld verliert - und den Vater. 

Virtuos wuchtiger Bildersturm

Hans Petter Moland, bekannt für seine derb-melancholischen Komödien („Ein Mann von Welt“), erzählt Per Pettersons Coming-of-age-Geschichte in wuchtigen Bildern, die ein massiver Soundtrack befeuert. Virtuos schichtet er die Zeitebenen der Romanvorlage. Ein bisschen zu sehr hat sich der Norweger dabei in seine Rolle des Cinemascope-Naturfilmers verliebt - aber die wortkarge Poesie zweier alternder Männer bringen Stellan Skarsgard und Björn Floberg berührend glaubhaft rüber. 

Es sind Spurensuchen in der menschlichen Seele, Expeditionen in ihre Beweg- und Abgründe, die die nordischen Filmemacher unternehmen. Im estnischen, auch formal spannenden Filmdebüt „Skandinavisches Schweigen“ begegnen sich Bruder und Schwester in einem klaustrophobischen Kammerspiel, um das Geheimnis ihrer Vergangenheit zu lüften. Die dunkle Seite der Macht erfährt die Bäuerin Inga, als sie sich in Island mit der allmächtigen Kooperative anlegt („The County“). Und es gibt den Witwer, der in dem in Cannes ausgezeichneten Film „Weißer weißer Tag“ keinen Ausweg findet für seine Trauer - außer dem Zorn über ihren Verrat. Ein starkes Debüt ist Hlynur Palmason gelungen, mit einer Kamera (Maria von Hausswolff), die um die Figuren herumtanzt, sich zurückzieht und sie immer wieder aus der Ferne in den Blick nimmt, klein wie Spielfiguren in einem größeren Spiel.

Den einen Favoriten gibt es nicht

Überhaupt gibt es kaum Ausfälle in diesem Jahr, das gerade im Spielfilmprogramm so stark ist, dass es den einen Favoriten gar nicht gibt. Die dänische Amour Fou, die Trine Dyrholm in „Herzdame“ durchlebt, wird in den Gesprächen zwischen den Filmen ebenso gelobt wie „Die Ausnahme“, in dem sich vier Frauen als Forscherinnen im dänischen Informationszentrum für Völkermord in die „Psychologie des Bösen“ verstricken. Und in einer Mobbing-Affäre langsam aber sicher an den Rand des Nervenzusammenbruchs driften. Ein Karussell aus Täuschung und Manipulation an, das sich vom Kammerspiel zum hochaktuellen Psychothriller ausweitet. 

Die Leichtigkeit des Seins in Lappland

Dass der Ernst des Lebens auch mit Humor zu packen ist, demonstrieren unterhaltsam wie tiefgründig zwei finnische Filme. Da geht es um alleinerziehende Väter aus fernen Ländern und um starke Frauen, die für sich und die anderen den Weg finden müssen. Miia Tervo hat in ihrem poppig leuchtenden Spielfilmdebüt „Aurora“ eine starke Heldin und für die Geschichte „Flüchtling sucht Frau“ einen originellen Twist zwischen Witz und Drama. Und bei Mika Kaurismäkis „Meister Cheng“ darf ein nordfinnisches Dorf die Leichtigkeit des Seins über das chinesische Essen entdecken. „Eigentlich haben wir doch alle die gleichen Bedürfnisse“, sagt Kaurismäki nach der Vorstellung. „Und wir wollten erzählen, wie Freundschaft durch den Magen geht.“       

Wer quer über den Globus tourt, darf schon mal nach dem Wochentag fragen. "Donnerstag", rufen ihm elfeinhalbtausend Zuschauer in der Barclaycard Arena zu - und Michael Bublé gibt Gas, als wäre es ein Samstagabend. Es folgt eine grandiose Las-Vegas-Show in Hamburg, die Show eines Weltstars.

Christian Longardt 01.11.2019
Kultur Liedfett in der Pumpe Ein Saal voller Energie

Liedfett haben einen großen Satz nach vorne gemacht. Vor sechs Jahren gab die Hamburger Liedermacher-Kapelle, damals noch zu dritt, ein Konzert im Roten Salon der Kieler Pumpe vor ein paar Dutzend Zuhörern. Nun spielen sie hier im gut besuchten Saal und der Tourtitel verspricht "Goldene Zeiten".

Thorben Bull 01.11.2019

Der Schweizer Songwriter Faber zieht auf seinem neuen Album gegen die „besorgten Bürger“ zu Felde. Jeff Lynne huldigt auf „From out of Nowhere“ mit seinem Electric Light Orchestra dem hochmelodiösen Popsong – und traut sich auch mal Folk. Und die Schatzgräber in der Bob-Dylan-Mine haben auf „Travelin’ Thru – The Bootleg Series 15“ dessen Sessions mit Johnny Cash ausgegraben. Alles erscheint am 1. November.

02.11.2019