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Kultur Korngolds faszinierender Irrgarten
Nachrichten Kultur Korngolds faszinierender Irrgarten
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13:09 14.10.2019
Von Christian Strehk
Irrgarten und bürgerliches Mausoleum im Dampf des Symbolismus: Paul (Norbert Ernst) bittet höhere Mächte und seine tote Frau Marie um Vergebung für die Sünde mit Marietta (Agnieszka Hauzer). Quelle: Olaf Struck
Kiel

Aus seiner Anzugweste gibt es kein Entkommen. Paul, Typ Buchhalter, hat sich nach dem Tod seiner Frau Marie in einem bürgerlichen Mausoleum verschanzt. Und wenn dann doch das Leben auf ihn eindringt, er wie der noch kleingeistigere Bruder von Heinrich Manns Professor Unrat dem hereinflatternden blauen Theaterengel Marietta verfällt, kommt ihm das Sein wie ein Irrgarten vor. Panisch wird er so zum Mörder seiner Chancen.

Regisseurin Luise Kautz

Die junge Regisseurin Luise Kautz zeichnet ein morbides, nicht durch traumverlorene Irrationalitäten geschöntes Bild von Erich Wolfgang Korngolds Psychodrama Die tote Stadt. Jede Hoffnung welkt hier real wie Herbstlaub.

Startenor Norbert Ernst

Der Tenor Norbert Ernst hat für die Partie des Witwers und ihre hier betonten Abgründe die perfekte Stimme: In betörenden Höhenflügen kann er von seiner Marie schwärmen, sich aber auch bohrend ätzend vor sich selbst und seiner erotischen Entgleisung ekeln. Vor allem nutzt er die große Aufgabe nicht zur stimmlichen Selbstdarstellung, sondern zur Charakterzeichnung – bis zum bewegend resignierenden Verdämmern am Schluss: „hier gibt es kein Auferstehn ...“

Ebenbürtig: Agnieszka Hauzer

Optimal besetzt ist auch die personifizierte Versuchung Marietta: Agnieszka Hauzer trifft mit ihrem leuchtenden jugendlich-dramatischen Sopran die Euphorie der Zwanziger-Jahre-Diva genauso wie die Kampfansage an die übermächtige, obgleich tote Nebenbuhlerin.

Hecken als Irrgarten

Valentin Mattka gestaltet dazu passend ein diffus vernebeltes In- und Exterieur, in dem die Kostüme von Hannah Barbara Bachmann trefflich die Entstehungszeit nach dem Ersten Weltkrieg zitieren. Der symbolistisch überhöhte Irrgarten wird durch riesig aufragende Hecken-Elemente konkret: Von Kirche und Moral zurechtgestutzt eröffnen sie braven Bürgern eng begrenzte Wege, formieren sie sich lautlos zu einem Gotteshaus, wo Kinder und Nonnen gutgläubige Phrasen dreschen (sehr stimmungsvoll: Jugendakademie und Opernchor).

Tagtraum-Fantasie wie bei Freud

Wenn Pauls Tagtraum-Fantasie Kapriolen schlägt, können auch Liebesnester oder zwielichtige Theaterbühnen der Sezession daraus zusammengedrängt werden. Da spielen dann ominöse Gaukler (Elizabeth Tredent, Heike Wittlieb, Michael Müller-Kasztelan, Fred Hoffmann und Denis Adutwum) auf ein freies Sehnen und Wähnen an, das man sich selber nicht traut.

Nebenfiguren mit Charakter

Kautz’ Personenregie bleibt dezent, entschlüsselt aber auch in Nebenfiguren Charakterzüge. Tatia Jibladze beispielsweise singt und spielt enorm ausdrucksstark: Ihre Haushälterin Brigitta hat ihr ödes Dasein offensichtlich dem verklemmten Paul geweiht und weicht Annäherungen des Lebemanns Frank irritiert aus. Kavalierbariton Tomohiro Takada verleiht ihm auch stimmlich die imposante Statur eines Sekundanten, der Pauls fatales Duell mit sich selbst in aufrechter Distanz verfolgt.

GMD Benjamin Reiners begeistert

Kiels neuer Generalmusikdirektor Benjamin Reiners kann in seiner ersten, reich gefeierten Opernhaus-Premiere nicht nur auf ein starkes Sängerensemble bauen, er findet auch den Schlüssel zu der wildwüchsig bildmächtigen, gerade 100 Jahre jungen Partitur des erst 23-jährigen Erich Wolfgang Korngold. Die Philharmoniker schwelgen und flüstern, schauern und schreien, keckern und malen, was das Zeug hält.

Überdruck des Orchesters in Grenzen

Dabei gelingt es Reiners, den so gefürchteten Überdruck auf die Stimmen in Grenzen zu halten. Im Parkett ist alles gut zu vernehmen. Die Lücken zwischen den Sängerdialogen werden aber umso bedrohlicher genutzt: Da knattert das Schlagwerk, dröhnt das Blech, taumelt das Orchester mit Wucht in den multistilistischen Wirbel der Wilden Zwanziger hinein. Und so zeigt sich bisweilen sogar eindrucksvoll dreidimensional im Raum aufgefächert: Korngold benutzt zwar die Zauberkästen von Puccini und Strauss, findet aber eine eigenständige, partiell modernere Sprache. Ovationen für einen nachhaltig eindrucksvollen Abend!

Die Daten in der Oper Kiel

Termine in der Oper Kiel: 18. und 27. Oktober, 9. und 23. November, 19. Dezember, 5. und 9. Januar, 12. Februar, 10. März sowie 4. April. Karten: 0431 / 901 901. www.theater-kiel.de

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