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Kultur Wenn Kinder auf Menschen schießen müssen
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12:15 25.03.2018
Von Jürgen Gahre
Tosca bei den Osterfestspielen in Salzburg. Quelle: OFS, Forster
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Salzburg

Dieses veristische Sensationsstück ist seit seiner Uraufführung 1900 in Rom von ungebrochener Beliebtheit, trotz oder gerade wegen seiner Nähe zum Krimi.

Michael Sturminger hat diese spezifische Qualität von Puccinis Meisterwerk voll genutzt und zeigt, bevor der erste Ton im Orchester erklingt, eine wüste Schießerei in einer Tiefgarage. Ein Mann kann sich retten, der Tatort verschwindet in der Versenkung und der Blick wird frei auf das Innere der Kirche Sant' Andrea della Valle. Der dort auftauchende Mann ist natürlich kein anderer als der entmachtete Konsul Cesare Angelotti, der auf der Flucht vor seinem Häschern ist – die Oper kann beginnen. Aber auch am Ende der Oper gibt es noch einmal eine Schießerei wie in einem „echten“ Krimi: Da Tosca nicht fest genug zugestochen hat, kann Scarpia am Hinrichtungsort des Cavaradossi erscheinen. In einem Feuergefecht erliegt er nun endgültig seinen Verletzungen und auch Tosca wird von seinen Kugeln getroffen. Ihr verzweifelter Sprung von der Engelsburg entfällt also.

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 Michael Sturminger ist davon überzeugt, dass eine Interpretation nur dann kraftvoll und wahrhaftig sein kann, wenn sie „aus dem Geist der Gegenwart“ kommt. Das ist ihm in seiner Salzburger „Tosca“ gut gelungen, denn Puccinis Musik gewinnt in seiner Inszenierung eine beklemmende Aktualität. So ist zum Beispiel sein Scarpia ein durch und durch feiner, höflicher Gentleman, dem man „das Böse“ keineswegs ansieht. Seine noblen Gesten stehen jedoch in scharfem Kontrast zu seinen widerlichen, diabolischen Worten und Taten. Auch bei so manchem Politiker kann man bei näherem Hinsehen derartigen Zynismus finden. Männer wie Scarpia – davon ist er fest überzeugt – existieren „nach wie vor in allen gesellschaftlichen Bereichen.“ Aber es gibt auch ein „System Scarpia“, und das zeigt er zu Beginn des dritten Aktes: Während es langsam Tag wird in Rom werden junge Kadetten von ihren Vorgesetzten gezwungen, das Todesurteil an Cavaradossi zu vollstrecken – die Perversion einer Gesellschaft zeigt sich in ihrer ganzen Entsetzlichkeit, wenn  uniformierte Kinder Hinrichtungen vornehmen müssen.

Es ist erstaunlich, mit welcher Liebe zum Detail die Bühnenbildner Renate Martin und Andreas Donhauser die Kirche und den Palazzo Farnese ausgestattet haben. Da passt alles gut zueinander, da stimmt jede Einzelheit, und alles zusammen ergibt ein harmonisches Ganzes.

In der Titelrolle ist die phänomenale Anja Harteros zu bewundern. Von der koketten Primadonna schafft sie mühelos den Übergang zu jäh aufflammender Eifersucht. Sie gestaltet Toscas furchtbares Leiden in der Folterszene und die abgrundtiefe Verzweiflung mit einer Unbedingtheit, dass einem das Blut in den Adern gerinnen könnte. Und dann ihr „Vissi d'arte“! Wenn sie diese Arie singt, dann  ist das nicht nur unendlich schön, sondern ist auch zutiefst erschütternd. Ihrem herrlichen, flexiblen und präzise fokussierten Sopran kann sie mühelos eine große Palette an Farben und Emotionen abverlangen. Der aus Riga gebürtige Aleksandrs Antonenko ist ein Cavaradossi der Superlative. Schon gleich im ersten Akt begeistert er mit seiner stilvoll vorgetragenen Arie „Recondita armonia“, seine „Vittoria“-Ekstase ist deswegen so mitreißend, weil er hier bemerkenswert differenziert singt, und sein „E lucevan le stelle“ kommt ihm ganz natürlich aus der Kehle und wirkt niemals aufgesetzt oder emotional überfrachtet. Die elegante Bariton des Ludovic Tézier kann sich plötzlich ins Gegenteil umkehren, kann den harmlos dreinschauenden Scarpia plötzlich gefährlich klingen lassen.

 Die Sächsische Staatskapelle Dresden klingt selbst bei einer so reißerischen Verismo-Oper ungemein schön, wenn Christian Thielemann sie dirigiert. Das soll keineswegs heißen, dass die Dramatik zu kurz kommt, im Gegenteil! Ihm gelingt eine ungemein subtile, aber höchst effektive      Innenspannung, die sich in den richtigen Höhepunkten entlädt. Seiner klugen, fast möchte man sagen: ausgeklügelten Dynamik-Regie ist zu verdanken, dass seine „Tosca“ nirgendwo „billig“ oder abgeschmackt klingt. Seine rhythmische Genauigkeit und eine geschmackvolle Gesamtkonzeption lassen die vielgespielte „Tosca“ in neuem Licht glänzen. Frenetischer Applaus für alle!

Nächste Vorstellung: 2. April (Ostermontag).

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