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18:27 10.09.2019
Von Christin Jahns
Die Jazz-Profis Leo Genovese (v. li.) und Mino Cinelu mit Jacky Schauer, Trompeter Jordi Roviró und Pia Kaiser. Quelle: hfr
Kiel

„In der Musikszene gibt es aktuell einen besonderen Trend“, erzählt Ideengeber Prof. Ulrich Hoinkes. „Dabei nimmt man Stummfilme, entfernt die ursprüngliche Musik und vertont den Film stattdessen live. An dieser Mischung hat sich auch unser Projekt orientiert.“ Den Ansatz, Studenten Lerninhalte an Stelle von Hausarbeiten in Videoform umsetzen zu lassen, verfolgt Hoinkes bereits seit 2013.

Zusammenarbeit mit Jazz-Größen Franz Hackl, Mino Cinelu und Leo Genovese

Die Integration des österreichischen Jazz-Festivals dagegen war auch für den Professor eine Premiere. „Ich war im vergangenen Jahr selbst dort und habe ein paar Kontakte geknüpft“, erzählt Hoinkes. „Da sind wirklich Weltklasse-Musiker vor Ort. Festivalleiter Franz Hackl arbeitet als Jazz-Trompeter in New York, Mino Cinelu hat schon mit Sting und Miles Davis zusammengearbeitet und der argentinische Pianist Leo Genovese war zehn Jahre lang Begleiter von Jazz-Superstar Esperanza Spalding. Mit solchen Leuten zusammenzuarbeiten ist ein Ziel, auf das die Studenten hinarbeiten können.“

Hoinkes selbst untersucht die Traditionen des Geschichtenerzählens und Liedersingens in den kreolischen Sprachgebieten der Karibik. Seinen Studenten war schnell klar, dass sie in ihrem Film nicht nur die schönen Seiten der Karibik zeigen, sondern auch die koloniale Vergangenheit aufgreifen wollen. „Ich wollte den Studenten da vollkommen freie Hand lassen“, erzählt Hoinkes. „Ich glaube, die Auseinandersetzung mit der Geschichte und die Frage der angemessenen Visualisierung hat bei den Studenten zu enormen Lerneffekten geführt.“

Kontrast zwischen Strandidylle und Kolonialgeschichte

Für das Projekt haben sich die Studenten in nur einem Semester in Videoschnitt, Produktion, Schauspielerei und Vertonung eingearbeitet und dabei stark auf Kontraste gesetzt. „Als Studenten haben wir kaum Zugriff auf Bildmaterial aus der Karibik. Deshalb haben wir versucht zu abstrahieren und die Herrschenden beispielsweise mit weißen Masken dargestellt“, sagt Romanistikstudent Tim Warnecke.

Unterstützt wurden die Studenten dabei von Goodwin Ezekoye aus Nigeria, der im Film als Schauspieler mitwirkt, dem Trommler Kokou Mawuli Agbo aus Togo und einer Frau aus Martinique, die freiwillig an dem Projekt teilnahmen und ihre persönlichen Erfahrungen einbrachten. „Ihre emotionale Anteilnahme war wirklich unglaublich“, erzählt Warnecke. „Die Reaktion hat uns gezeigt, dass die koloniale Vergangenheit keineswegs überwunden ist und wir uns für das richtige Thema entschiede haben.“

Improvisieren mit den Profis

Im Laufe der Filmarbeiten hatten die Studenten die Möglichkeit ihre Projektidee per Skype mit Festivalleiter Franz Hackl aus New York zu besprechen. Der war so begeistert, dass er zwei Studenten zum Festival nach Schwaz einlud. Die Wahl fiel auf Pia Kaiser, die Geige spielen kann und im vergangenen Winter ein Erasmus-Semester auf Martinique verbracht hat und Poetry-Slammerin Jacky Schauer, die während des Projektes die künstlerische Leitung übernommen hat.

„Für die Studenten war es eine große Herausforderung, dass es im Gegensatz zu einem klassischen Konzert keine vorgefertigten Partituren gab“, sagt Hoinkes. Stattdessen sollten die Musiker die Stimmung der jeweiligen Filmszene aufnehmen und passend dazu improvisieren. „Ich habe seit ungefähr sieben Jahren nicht mehr richtig Geige gespielt“, erzählt Pia Kaiser. „Nach der ersten Probe mit den Profimusikern am Tag vor dem Konzert war ich deshalb total fertig. Ich habe mich super unwohl gefühlt, wollte nicht spielen und war so erschöpft, dass ich erst mal schlafen musste.“

Am nächsten Morgen, erzählt Pia, sei dann alles besser gewesen. „Wir haben es meist so gemacht, dass die Profis angefangen haben und ich versucht habe zu reagieren“, erzählt Pia. „Manchmal haben wir das Ganze auch choreografisch untermalt, indem wir beim Spielen von unterschiedlichen Seiten aufeinander zugegangen sind, um das Zusammentreffen von zwei Welten zu symbolisieren.“

Festivalauftritt: Lob von Jazz-Größen

Kurz vor Schluss wurde das Improvisationstalent der Kieler dann erneut auf die Probe gestellt, als Perkussionist Mino Cinelu unerwartet die Bühne verließ. „Er meinte danach, er hat einfach alles gegeben, wollte nicht repetitiv werden und den anderen die Bühne überlassen“, erzählt Hoinkes. „Aber wenn du vor knapp 200 Leuten auf der Bühne stehst und weißt, dass berühmte Jazz-Kritiker im Publikum sitzen, bringt einen fragt man sich natürlich schon, ob was nicht in Ordnung ist. 

Dass diese Sorge unbegründet war, zeigte sich nach dem Konzert, als nicht nur Oliver Hochkeppel, Jazz-Kritiker der Süddeutschen Zeitung, die Kombination aus Film, Text, Performance und Musik als berührendes Paradebeispiel für das Konzept des Outreach Festivals würdigte, sondern auch Cinelu den Studenten bei der Weiterentwicklung des Konzeptes seine Hilfe anbot. „Für uns ist das eigentlich unglaublich“, sagt Hoinkes.

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