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Kultur Zeitschleifen und Klebestreifen
Nachrichten Kultur Zeitschleifen und Klebestreifen
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12:08 21.08.2019
Von Sabine Tholund
Performance mit bunten Klebestreifen: Coralie Merle, Mark Christoph Klee und Jasiek Mischke in „(Not) Now“. Quelle: Marco Ehrhardt
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Kiel

Am Rande der Ehmsen-Galerie liegen sie auf einem weißen Podest, das die drei Performer magisch anzieht. In wechselnden Kostümen machen sie sich konzentriert ans Werk, suchen sich rotes, grünes oder gelbes Tape und kleben damit Bögen und gerade Linien in den Raum. Manchmal treffen sich ihre Blicke, dann wieder arbeitet jeder für sich. Seit gestern sind Coralie Merle, Mark Christoph Klee, Jasiek Mischke und der Grafiker Björn Schmidt in der Stadtgalerie zu Gast und schon nach wenigen Stunden trägt der Boden deutliche Spuren ihrer Anwesenheit. Einem klaren Regelwerk folgend, nach dem jedes Tape zwei Punkte miteinander verbinden soll, mäandert eine vielfarbige Zeichnung durch den Raum - auch die Wände sind bereits mit großzügigen Bögen markiert.

Zeichnen mit bunten Tapes

Dieses „Zeichnen“ zu verfolgen, ist an sich schon interessant, richtig spannend wird es jedoch, wenn plötzlich einer der Protagonisten wie aus dem Nichts das Wort ergreift. „I am a tree, I am still, I’m stiff“, rezitiert Mischke einen abstrakten Text, ein Wort-Kunstwerk ohne narrative Ambitionen. Sein weibliches Gegenüber setzt die expressive Poesie in Bewegung um – fließende Gesten der Arme und Hände wechseln mit abgehackter Eckigkeit. Der dritte Spieler kommt hinzu, der Tanz ebbt ab, die Bewegung schläft ein und alle drei fallen in eine Starre, werden zu Skulpturen inmitten ihrer Installation. Mit spürbarer Kraftanstrengung sinken die Spieler danach wie in Zeitlupe zu Boden, verharren dort kurz, um sich in nicht minder akrobatischer Langsamkeit wieder zu erheben – und sich erneut dem „Zeichnen“ zuzuwenden.

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Ohne Anfang, ohne Ende

„Es gibt bei dieser Performance keinen Anfang und kein Ende“, sagt Stadtgalerie-Chef Peter Kruska. „Das Konzept ist intuitiv, die Spieler reagieren auf die Situation im Raum. Dabei spielen sie mit der Möglichkeit, dass der Besucher etwas verpasst, denn es kann durchaus sein, dass man einen leeren Raum vorfindet.“

Die Autorin dieser Zeilen hat Glück, die Protagonisten sind anwesend. Und ganz unvermittelt ergreift einer, der allein im Raum geblieben ist, das Wort. „Hi, ich hoffe du hast einen Moment Zeit, um diese Zeilen zu lesen“, spricht er ein imaginäres Gegenüber an. Von vergangenen Stunden redet er und davon, dass ein Zeitraum von drei Sekunden als Gegenwart empfunden wird. Während er redet, scheinen seine Arme und Hände das Gewirr der Linien um ihn herum nachzuzeichnen. Immer schneller wirbelt er herum und wiederholt seinen Text in immer engeren Schleifen, die irgendwann in einer Kakophonie münden. Die Zeit als Thema ist also erkennbar. In der Visualisierung von Grafiker Björn Schmidt, der die Performance via Webcam in einer festgelegten Taktung aufzeichnet, wird sie zum abstrakten Bild.

Stadtgalerie, Andreas-Gayk-Straße 31. Bis 30.August. Di, Mi, Fr 10-17, Do 10-19, Sa. So 11-17 Uhr. Björn Schmidts Visualisierung im Netz unterwww.notnow.live

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