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Kultur Fatale Beziehungskiste
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14:30 19.03.2019
Foto: Szene aus Puccinis „Manon Lescaut“ mit Mariagrazia De Luca (Mitte), Markus Wessiack und Ensemble.
Szene aus Puccinis „Manon Lescaut“ mit Mariagrazia De Luca (Mitte), Markus Wessiack und Ensemble. Quelle: Matzen/Landestheater
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Flensburg

Puccinis erste Erfolgsoper mit ihrem unwiderstehlichen Gefühlsüberschwang stellt jedes Regieteam vor nahezu unlösbare Aufgaben: vier Akte, vier Schauplätze, vier Zeitsprünge rund um das Thema einer fatalen Beziehungskiste, dazu ein uneinheitliches Textkonvolut von fünf beteiligten Librettisten und Puccinis brodelnd-opulente Partitur.

Zwei Liebende, nie wirklich glücklich vereint

In dem spektakulären Opernkracher geht es um zwei Liebende, Manon Lescaut und Renato de Grieux, die in keiner Szene wirklich glücklich vereint sind: ein junger Mann, der seine Existenz aufs Spiel setzt, ein flatterhaftes Mädchen, das zwischen Leidenschaft und den Verlockungen eines Luxuslebens den Weg der Tugend und des Gesetzes verpasst und in perspektivloser Wüste zugrunde geht. Ein episodenhaftes Taumeln bis zum trostlosen Dahinsiechen – frei nach dem autobiografisch gefärbten Roman des Abbé Prevost.

Ausstatter Michele Lorenzini umging extreme Bühnenumbauten mittels eines variabel gewölkten Rundhorizonts, vor dem Andeutungen von Requisiten die jeweils veränderte Handlungssituation verorten ließen. Diese geschickte Reduktion traf auf Kostümierung aus der Entstehungszeit der Oper sowie auf schrilles Rokoko im persiflierten Boudoir-Akt, wobei Regisseur Grisebach das Wesentliche dieses Seelendramas meist an der Bühnenrampe stattfinden ließ.

Ausladende Süffigkeit und knackige Ausbrüche

Peter Sommerer und seine Landessinfoniker wühlten sich mit Applomb durch die aufgepeitschte Schwüle dieser bittersüßen, filmisch anmutenden Musik. Dass es dabei manchmal klanglich fett zuging, lag an dieser veristischen Partitur mit ihrer ausladenden Süffigkeit und knackigen Ausbrüchen. Umso schöner, wenn Sommerer gelegentlich mentale Siedepunkte herunterkühlte, bei den beiden wuseligen Volksszenen (Chor: Bernd Stepputtis) Ausreißer einfing und das zehrende Untergangspianissimo im Finale auszukosten verstand.

Zwischen Naivität, Laster und Leidenschaft

Mariagrazia De Luca gestaltete bei der Premiere glaubhaft die ambivalente Titelrolle zwischen Naivität, Laster und Leidenschaft. Dabei gelangen ihr subtile Nuancen, die im Luder noch eine Seele, in der rührenden Hingabe noch berechnende Raffinesse erkennen ließen. Stimmlich zeigte sich die italienische Sopranistin voll präsent, strahlend und bombensicher in der Höhe, emphatisch zwischen Resignation und Euphorie im Finalakt. Tenor Chul-Hyun Kim als ihr getriebener Geliebter Renato: rollentypisch zwar ein wenig monochrom und mit puccinesker Träne im Knopfloch, aber stets mit stählerner Höhe als Garant für robustes, aber wirkungsvolles Belcanto.

Ein wackeres Ensemble vervollständigte dieses Herz-Schmerz-Drama, wobei der unterbeschäftigte Marian Müller als zynischer Lescaut aufhorchen ließ, Eva Eiter mit parfümiertem Madrigalvortrag entzückte und Markus Wessiack als ältlicher Steuerpächter Geronte de Ravoir mit degenerierter Bassmüdigkeit den neureichen Miesling charakterisierte. Imponierender Hochdruckverismus ohne Wenn und Aber!

Weitere Aufführungen: Flensburg: 19.3; 10., 14. + 18.4. Rendsburg: 28.4.; 11. + 19.5. Neumünster: 5.4. www.sh-landestheater.de

Von Detlef Bielefeld