Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kultur Beethoven und der Schimmelreiter
Nachrichten Kultur Beethoven und der Schimmelreiter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:51 25.04.2019
Schauspieldirektor Wolfram Apprich (li), Generalintendant Peter Grisebach und der designierte GMD Kimbo Ishii im Theater Rendsburg. Quelle: LT / Angela Möller
Anzeige
Rendsburg

Grisebach geht – wie übrigens auch Schauspieldirektor Wolfram Apprich, Operndirektor Markus Hertel und Ballettdirektorin Katharina Torwesten. Jetzt verzeichnet er als Geschäftsführer mit Genugtuung, dass die Häuser „wirtschaftlich gesichert“ dastünden, man politischen Rückenwind spüre und der notwendige Theaterneubau in Schleswig Unterstützung finde. Sogar in Dithmarschen gebe es zarte politische Anzeichen dafür, den Ausstieg aus dem Gesellschaftervertrag doch noch zu kippen.

Schleswig kein Produktionsstandort mehr

Kleiner Wermutstropfen: In Schleswig wird man zunächst weiter spielen, aber nach der Halbierung des Gesellschafterbeitrags keine Produktionsstätte mehr haben – „das bedeutet zugleich eine Stärkung Flensburgs als größtem Gesellschafter, so Grisebach. Erstmals werde es dort nun auch Schauspielpremieren geben.

Anzeige

Verdis "Rigoletto" mit dem neuen GMD Ishii

Zum Stichwort „weiter geht’s“ passe die erwünschte Überlappung mit dem Taiwanesen Kimbo Ishii, der aus Magdeburg als neuer Generalmusikdirektor herüberwechselt. Gemeinsam mit ihm möchte Grisebach, der sich gen Fernost zur Belebung eines Theaterneubaus im südkoreanischen Busan verabschiedet, zur Saisoneröffnung Verdis „Rigoletto“ realisieren. Ute Lemm, seit der Spielzeit 2016/2017 als künstlerische Betriebsdirektorin und Orchesterdirektorin am Theater Erfurt tätig, wird ihm dann ab Sommer 2020 in Rendsburg mit neuem Team nachfolgen.

Mozarts "Don Giovanni" und ein Broadway-Hit

Mozarts von Ishii besonders heiß geliebten Don Giovanni überlässt Grisebach bereits Opernchef Markus Hertel zur Inszenierung. Für Unterhaltung sollen und können Zellers hübsche Operette Der Vogelhändler und Frank Loessers swingende New Yorker Broadway-Legende Guys and Dolls sorgen, für die man erstaunlicherweise die Rechte ergattert habe.

Hillers "Schimmelreiter" nach Theodor Storm

Interessant, gerade aus Kieler Sicht, ist die Wahl des „modernen“ Stücks: Wilfried Hillers reichlich brave, aber durchaus stimmungsvolle Musiktheater-Adaption von Theodor Storms Novelle Der Schimmelreiter erlebte 1998 ihre Uraufführung in der Regie von Kirsten Harms am Theater der Landeshauptstadt. Ans Landestheater passt das Stück, das inzwischen in Bremerhaven (Intendanz Grisebach!) und München nachgespielt wurde, ohne Frage prima – das Lokalkolorit! GMD Ishii will höchstselber dirigieren, Hertel besorgt seine letzte Regie.

Ballett mit "Schwanensee"

Schon vor dem Musiktheater eröffnet das Ballett mit dem Klassiker der Spitzentanzklassiker die Saison: Katharina Torwesten choreografiert eine eigene, modernisierte Version von Tschaikowskys Schwanensee. Ingo Martin Stadtmüller, der neue Erste Kapellmeister, dirigiert. Mehr Ballett wird wegen der Musical-Belastung schwierig. Eventuell nimmt man noch den erfolgreichen Faden der Jungen Choreografen auf.

Schauspiel-Klassiker wie Kleists "Zerbrochener Krug"

Auch die Schauspielsparte möchte nicht zu stromlinienförmig erscheinen. Zwar locken ewige Klassiker wie Kleists Zerbrochener Krug, Lorcas Bluthochzeit, Molières Menschenfeind oder Dürrenmatts Besuch der alten Dame schul- und abonnementkompatibel. Dafür ist ab 30. August auch schon Fatih Akins Soul Kitchen parat, wird Bov Bjergs erst 2015 erschienener Erfolgsroman Auerhaus „in eigener Fassung“ für die Bühne adaptiert, amüsieren die Ladykillers und schreibt Felicia Zeller ein neues Stück, das vielleicht jeden etwas angeht: Der Fiskus hat in der Regie von Kathrin Mayr am 21. März 2020 kurz nach der Uraufführung in Braunschweig Premiere in Rendsburg.

Wolfram Apprich freut sich auf Regietheater von Regisseurinnen

Wolfram Apprich freut sich auf viel Regietheater, in erster Linie von jungen Regisseurinnen: Wenn etwa Anna-Elisabeth Frick (zuletzt: Faust) Shakespeares Hamlet anpacke, dann werde das „diametral anders ausfallen“ als jüngst in Kiel. Besonders freut sich Apprich, dass Jochen Missfeldts Roman Steilküste in einer Bühnenversion zum Abschied des Ensembles gerade am 10. Mai 2020 Uraufführung feiern soll: „Ein Kammerspiel, das hochpolitisch in die Region passt“, da hier die bittere Geschichte von Marinesoldaten aufgegriffen werde, die noch nach der Kapitulation als Deserteure hingerichtet worden seien.

Messbare Verjüngung des Publikums

Stolz ist er zudem darauf, dass mit einem neuen Mittwochsabonnement immer mehr Schüler mit ihren Lehrern erreicht werden. Das sei sowieso der größte Erfolg seiner Amtszeit, so Grisebach ergänzend: die messbare Verjüngung des Publikums.

Alles Beethoven zum 250. Geburtstag

Im Konzertsektor langt Ishii derart in die Vollen, wie man es sich wohl nur in einem Gedenkjahr für einen der Allergrößten leisten kann. Da sollen die SH-Sinfoniker ab Januar Beethoven zum 250. Geburtstag feiern, als gäbe es kein Morgen und kein Alternativrepertoire mehr. Grisebach nennt das eine „Charmeoffensive“.

Sogar die "Missa solemnis"

Die Symphonien Eins, Zwei, Vier, Sieben, Acht und Neun (letztere sogar in Kombination mit der Chorfantasie), das Erste und das Zweite Klavierkonzert, die Ouvertüren Coriolan und Die Ruinen von Athen sind gesetzt und lassen unschwer erahnen, was dann in der zweiten Jahreshälfte folgt. Außerdem will Ishii mit Chor- und Extrachor sogar Beethovens Missa solemnis stemmen, was selbst in Flensburg sogar Matthias Janz’ vereinigtem Riesengefolge von Bach-Chor und Symphonischem Chor Hamburg 2012 große Kraftanstrengung abverlangte. Vorher nimmt der neue GMD Anlauf mit Dvoráks Symphonie Aus der Neuen Welt und Tschaikowskys b-Moll-Klavierkonzert-Hit sowie Werken von Ravel, Lalo und Rachmaninow.

www.sh-landestheater.de

Von Christian Strehk