Philipp Scharrenberg im Lutterbeker: Narrenwerk und Wortkunst
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Philipp Scharrenberg im Lutterbeker: Narrenwerk und Wortkunst

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14:31 27.09.2020
Von Kai-Peter Boysen
Der Kabarettist Philipp Scharrenberg bei der Vorpremiere seines Programmes "Realität für Quereinsteiger" im Lutterbeker. Hier bei seiner "Travaillestie"-Nummer Quelle: kpb:KAI-PETER BOYSEN
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Lutterbek

Mit einem Rap über die Realität gelingt Philipp Scharrenberg im Lutterbeker der Quereinstieg ins Programm: „Die Realität – hat kein Strickmuster, die Realität – kommt vom Flickschuster“, beschreibt er die Vielschichtigkeit der Wahrnehmung der eigenen Realität und versäumt auch nicht, sich genregerecht selbst zu feiern („Ich werfe mit Pointen, wie man es vom Frisbee kennt, meine Reime sind für Hirne quasi Disneyland“).

Mit Platons Höhlengleichnis greift er auf eine antike Interpretation der Realität zurück, ein Großteil seines „Realitätstrainings“ nimmt jedoch die digital beeinflusste Wahrnehmung ein, er sieht eine „Digitalisierung des Denkens“, eine Zuspitzung auf die Extreme, eine Zusammenfügung von Momentaufnahmen.

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„Dabei bräuchte man doch nur eine höhere Auflösung beim Denken, dann wäre auch die Realität schärfer abgebildet“, bleibt er beim Lösungsweg im Bild. Ganz groß ist Scharrenbergs Gedicht „Der kleine Mob“, in dem er die Mechanismen und Algorithmen des Internets, der Filterblasen und der gesteuerten Angriffe auf kritische Personen analysiert.

Kabarett nicht systemrelevant - das missfällt Scharrenberg

Als Kulturschaffender ist ihm verständlicherweise sauer aufgestoßen, dass Kabarett als „nicht systemrelevant“ eingestuft wurde, „aber es gibt nichts Gesünderes für ein System als konstruktive Kritik“, meint Philipp Scharrenberg und steigert sich in eine schräge „Tanz den Relevanz“- Performance, die Internethysterie, Oberflächlichkeit und Sensationsgeilheit wunderbar aufgebläht vor Augen führt.

Philipp Scharrenberg hat Germanistik und Philosophie studiert und ist darüber hinaus ein umtriebiger Kreativgeist. Er spricht und liest schnell, man muss seinen Vorträgen sehr aufmerksam folgen, denn jedes Programmelement ist gespickt mit feinsinnigen Reimen, Metaphern, Wortwitz und bisweilen philosophischen Ausflügen ins Hinterland der Sprache.

Dass der Abend vom stockenden Ablauf her tatsächlich die Bezeichnung Vorpremiere verdient, ist dem Künstler schon nach dem ersten Beitrag verziehen und kleine Lücken überbrückt das Publikum durch Applaus – zu Recht, denn Sympathiewert und Qualität der Beiträge sind gleichermaßen hoch. Scharrenbergs Blick in die (digitale) Zukunft anhand eines Hotline-Telefonats eines Mannes, der nicht mehr in sein „Windows-Home“ kommt und nur noch einen „Gast-Zugang“ ins eigene Leben hat, verfügt schon über Loriotsche Klasse.

Gleiches gilt für Gedichte wie „Onkel Trumps Hütte“ oder den entspannten „Magnolienhund“ als Metapher für die Erde während des Lockdowns. Klavier spielt Philipp Scharrenberg übrigens auch, aber davon darf sich der geneigte Leser bitte bei seinem nächsten Gastspiel selbst überzeugen.