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Kultur Energiegeladene Klangforscher
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17:00 14.09.2014
Von Thomas Bunjes
Der kubanische Pianist Omar Sosa, mit dem deutschen Trompeter Joo Kraus in der Werkhalle Neumünster. Quelle: Manuel Weber
Neumünster

Das Publikum begleitete die virtuosen, inspirierten Klangreisen des Jazz-Trios mit manchmal fast ungläubigem Staunen. Knapp zweieinhalb Stunden dauerte der faszinierende Trip, sicher eines der glänzendsten Konzerte in der Geschichte des Kunstflecken-Festivals.

Kaum zu fassen, dass so viel überbordender Ideenreichtum dem Moment entspringen kann. Oft gibt Sosa das Thema vor. Beginnt mit elegischen Melodien und weich getupften Akkorden, Kraus’ Trompete umspülen sie, Ovalles’ Rhythmen tragen sie. Doch lange währt die Ruhe nicht, dazu steckt in diesem grandiosen, stets hellwach agierenden Trio zu viel Energie, die wohl einfach explodieren muss. Einer bricht aus, die anderen beiden preschen mit. Wohin der wilde Ritt geht, bestimmen stilistische Sozialisationen und Vorlieben der Akteure. Die Basis ist meist funky; denn Krauss, der einst mit Bassist Helmut Hattler das fulminante Acid-Jazz-Duo Tab Two bildete, sampelt live packende, mal trabende, mal galoppierende Hip-Hop- und Trip-Hop-Grooves, die er in das kleine Mikro am Trompetentrichter pumpt, pocht, ächzt und zischt.

 Geradezu akrobatische Akzente setzt Ovalles, der höchst inspiriert aus einem ganzen Arsenal von Rhythmusinstrumenten schöpft. Sosa lässt agile, aufgekratzte Son- und Salsa-, Jazz- und Klassik-Akkorde durch dieses dichte Rhythmusgeflecht turnen, Kraus spickt das mit akzentuierten, jazzigen Stößen oder luftigen Strömen aus seiner zumeist gestopften Trompete. Ist der letzte Ton eines Stücks verklungen, fallen sich die drei Klangforscher glücklich in die Arme und klatschen sich ab wie nach einem gelungenen Experiment. Es ist die pure Freude, gänzlich unaffektiert. Sie ist während des gemeinsamen Musizierens zu beobachten. Vor allem bei Sosa, der das Treiben gespannt, staunend, mit offenem Mund lächelnd, mit fast kindlichem Überschwang verfolgt. Immer mal wieder zieht ihn ein Groove vom Hocker, dann spielt Sosa stehend, mit wiegenden Hüften.

 Sportlich agiert auch Ovalles, der zwischen einem am Bühnenrand platzierten brasilianischen Berimbau (ein einsaitiger Musikbogen) und seinen Trommeln hin- und herflitzt. Und was er später mit zwei Maracas anstellt, gleicht in seinem präzisen, einfallsreichen, irrwitzig schnellen Schütteln der Rasseln einer Jonglage.

 Faszinierend, wie symbiotisch diese drei Ausnahmemusiker interagieren, spontan aufeinander zu reagieren vermögen, strotzend vor Improvisationslust die Stücke vor Geistesblitzen nur so knistern lassen. Die Spannungsbögen bleiben stets straff, selbst ruhigere Stücke vibrieren vor positiver Nervosität. Zusammen mit einem delikat abgemischten, satten, transparenten Sound ergibt das ein fantastisches Konzerterlebnis, das die Zuschauer mit stehenden Ovationen feiern und das in ihnen sicher noch lange nachklingen dürfte. „This place is magic“, hatte Omar Sosa während des Konzerts der Werkhalle attestiert. Die drei Klangzauberer hatten großen Anteil daran.

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